Bekehrung - Religionspädagogische Perspektiven auf einen unverfügbaren Begriff in der infra-säkularen Multioptionsgesellschaft

Das Habilitationsprojekt untersucht den Begriff der Bekehrung als religionspädagogisch vernachlässigte, zugleich hoch ambivalente Schlüsselkategorie religiöser Bildung. Während Bekehrung in gegenwärtigen religionspädagogischen Diskursen häufig nur negativ mit Missionierung, Überwältigung oder vormodernen Katechesevorstellungen verbunden wird, zeigt sich in digitalen Öffentlichkeiten, Migrationskontexten, Konversionserzählungen, politischen Aushandlungen und gemeindlichen Bildungsprozessen ihre ungebrochene Gegenwartsrelevanz. 

Ziel der Arbeit ist es, Bekehrung nicht als pädagogisch herzustellendes Ziel und auch nicht als bloßen Religions- oder Konfessionswechsel zu verstehen, sondern als vielschichtiges Geschehen biographischer, sozialer, theologischer und sprachlicher Neuorientierung.

Ausgangspunkt ist die Diagnose einer infra-säkularen Multioptionsgesellschaft, in der religiöse Deutungen weder selbstverständlich vorausgesetzt noch einfach als verschwunden gelten können. Glaube erscheint vielmehr als eine Option unter vielen, bleibt aber zugleich in kulturellen Tiefenschichten, biographischen Krisen, medialen Narrativen und institutionellen Praktiken wirksam. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert die geplante Studie Bekehrung interdisziplinär aus theologischer, exegetischer, pädagogischer, religionssoziologischer, psychologischer, politikwissenschaftlicher, philosophischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive. Dabei werden klassische Begriffe wie Umkehr, Buße, Konversion, Wiedergeburt und Neuorientierung begriffsgeschichtlich differenziert und in Beziehung zu gegenwärtigen Theorien von Subjektwerdung, Resonanz, Singularisierung, Authentizität und Narrativität gesetzt.

Die zentrale These lautet, dass Bekehrung religionspädagogisch nur dann verantwortet werden kann, wenn sie als unverfügbares Ereignis verstanden wird: Sie kann angebahnt, bedacht, erzählt und kritisch reflektiert, aber nicht didaktisch erzeugt oder institutionell erzwungen werden. Bekehrung bezeichnet somit eine unverfügbare Wahrnehmungs- und Deutungswende, in der Menschen ihr Selbst-, Welt- und Gottesverhältnis neu konfigurieren. Für Religionsunterricht, Gemeindepädagogik und Praktische Theologie eröffnet die Arbeit eine Perspektive, in der religiöse Bildung als resonanzfähiger, freiheitswahrender und alteritätssensibler Raum verstanden wird, in dem Erfahrungen von Transformation sprachfähig, deutbar und verantwortbar werden.

Kontakt: 
Dr. Stefan van der Hoek
Walter-Benjamin-Stipendiat (DFG) an der Universidade Estadual do Pará, Brasilien
E-Mail: stevanderhoek@gmail.com