Abschlusstagung zum Projekt am 13.03.2026
Am 13. März 2026 fand die Abschlusstagung zum, seit Oktober 2022 laufendem, DFG-Forschungsprojekt “Selbstmeldungen in der Inobhutnahme und ihre biographische Bedeutung für Jugendliche” an der Universität Erfurt statt. Im Mittelpunkt stand der Austausch mit den teilnehmenden Fachkräften und Einrichtungen über bisherige Forschungsergebnisse.
Das Programm umfasste drei Vorträge: Corinna Petri (Perspektive gGmbH Bonn) stellte zentrale Ergebnisse des Projekts „Inobhutnahme – Perspektiven: Impulse! Erkenntnisse und fachliche Ableitungen aus den Erlebensperspektiven junger Menschen und Eltern“ vor. Carolin Neubert sprach über ihr Promotionsprojekt im Rahmen des SECURE-Projekts, das der Frage nachgeht, wie Jugendliche über Gewalterfahrungen in ihren Familien sprechen. Tobias Franzheld präsentierte zentrale Ergebnisse des SECURE-Projekts.
Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Teilnehmenden die Thesen des SECURE-Projektes und führten einen lebhaften, angeregten Austausch.
Die Tagung verdeutlichte die Notwendigkeit einer konsequent adressat:innenorientierten Ausgestaltung von Inobhutnahmen. Die Perspektiven der Jugendlichen liefern zentrale Hinweise für die Weiterentwicklung der Praxis und unterstreichen die Bedeutung von Beziehung, Beteiligung und Transparenz im Umgang mit biographischen Krisensituationen.
Selbstmeldungen in der Inobhutnahme und ihre biographische Bedeutung für Jugendliche
Im Jahr 2021 wurden 36245 Kinder und Jugendliche nach § 42 SGB VIII durch das Jugendamt in Obhut genommen. 21,3 % (7727) dieser Schutzmaßnahmen geschahen dabei auf eigenen Wunsch der Betroffenen, 16,3% (5922) waren im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Seit gut 15 Jahren ist dabei ein genereller Aufwärtstrend der Fallzahlen zu Inobhutnahmen zu erkennen.[1]
Das Projekt „Selbstmeldungen in der Inobhutnahme und ihre biographische Bedeutung für Jugendliche“ schließt unmittelbar an diese Entwicklung an, indem es die über die Jahre stetig steigende Zahl der Selbstmeldungen der untergebrachten Jugendlichen in den Fokus stellt. Die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdmeldungen wird bisher lediglich zur sozialstatistischen Erfassung von Schutzmaßnahmen genutzt. Die biographische Bedeutung von Selbstmeldungen für Jugendliche ist hingegen empirisch bislang nicht untersucht worden, obwohl sich neuere Forschungsansätze verstärkt auf die Perspektive der Adressat:innen in der Kinder- und Jugendhilfe richten. In der deutschen Kinderschutzdiskussion fehlt die Perspektive von Jugendlichen fast gänzlich. International ist ein verstärktes Interesse an der Aufdeckung von Gefährdungen und Übergriffen aus der Perspektive von Betroffenen zu verzeichnen.
Im Projekt wird der Frage nachgegangen, was es für Jugendliche bedeutet, sich auf eigenen Wunsch bei Schutzeinrichtungen zu melden und inwiefern vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen eine biographische Bedeutung der Selbstmeldung sichtbar gemacht werden kann. Das Projektvorhaben orientiert sich an einer biographisch ausgerichteten Kinder- und Jugendhilfeforschung und verknüpft Biographie- und Institutionenperspektive im Handlungsfeld der Inobhutnahme. Qualitative Fallrekonstruktionen, die sich auf das individuelle Erleben von Jugendlichen richten, eignen sich dafür insbesondere, weil sie Aufschluss geben über Erfahrungen und subjektiven Bedeutungszuschreibungen. Drei biographische Bedeutungsebenen werden dabei im Hinblick auf Selbstmeldungen untersucht: Prozesse des Aufwachsens, institutionelle Positionierungen und subjektive Krisenerfahrungen. Am Ende des Projektes sollen verschiedene Fallmonographien die spezifische Typik der untersuchten Jugendbiographien erfassen, aber auch Aussagen über Generalisierungsmöglichkeiten der Befunde treffen.
[1] Alle Daten aus destatis.de
Weitere Informationen zu dem Projekt "Selbstmeldungen in der Inobhutnahme und ihre biographische Bedeutung für Jugendliche" finden sie hier.

