Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Janna Vogl: Doktorandin

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

  • +49 361 737-2866
  • +49 361 737-2809

janna.vogl(at)uni-erfurt.de

Vita

2006-2013 Magisterstudium der Soziologie, Mathematik und Anthropogeographie

2008-2009 studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Heike Jacobsen am Lehrstuhl für Soziologie der Geschlechterverhältnisse der Universität Potsdam

2009-2010 Praktikum beim "Centre for Women's Development and Research" in Chennai, Tamil Nadu, Südindien

2011-2012 zweimonatiger Forschungsaufenthalt für die Magisterarbeit in Tamil Nadu, finanziert durch ein Stipendium des DAAD

Magisterarbeit: "'Social workers, communities and politics' – Akteursperspektiven von NGO-Gründern und -Gründerinnen in Südindien"

seit Oktober 2013 Doktorandin am Max-Weber-Kolleg

Forschungsprojekt

Zwischen internationaler Entwicklungszusammenarbeit und lokaler Legitimation. Akteursperspektiven im Umfeld von südindischen Frauenrechts-NGOs

Im Rahmen der durch die massenmediale Präsenz auch global geführten Debatte um die brutalen Vergewaltigungsfälle in Indien Ende des Jahres 2012 wurde selten gefragt, wie indische Akteurinnen die Situation von Frauen interpretieren und versuchen, diese zu verändern. Dies ist umso erstaunlicher, als ein breites Netz an Frauenrechtsorganisationen in Indien existiert, die sich mit der massiven Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen, politische Entscheidungen beeinflussen und sich selbst als Akteurinnen von „Emanzipation“ oder „Modernisierung“ verstehen.

Mein Dissertationsprojekt knüpft hier an: Ich betrachte Frauenrechtsorganisationen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu und gehe von der Annahme aus, dass diese innerhalb zweier Kontexte zu verorten sind. Einerseits arbeiten die Frauenrechtsorganisationen in lokalen Kontexten. Zunächst ganz konkret: Sie sind in spezifischen Dörfern oder Stadtgebieten tätig, die z.B. durch Kastenbeziehungen strukturiert sind. Darüber hinaus weist die politische Geschichte Tamil Nadus Besonderheiten im gesamtindischen Kontext auf und es ergibt sich die Frage, inwiefern sich deren Spuren in den Konzepten und Ideen der Akteurinnen finden. Verschiedene politische und soziale Bewegungen könnten wichtig sein: Das self-respect-movement Anfang des 20. Jahrhunderts, welches säkular-rationalistische Argumente integrierte, der tamilische Nationalismus oder die populistische Politik der regierenden tamilisch-nationalistischen Parteien. In allen Bewegungen ging es um (eine Kritik der) Verhältnisse von Kaste, Geschlecht und Religion. Andererseits sind die betrachteten Organisationen aber auch in Netzwerke der Entwicklungszusammenarbeit eingebunden. Sie arbeiten häufig mit internationalen Geldgebern zusammen und verpflichten sich damit, bestimmte „Zielvorgaben“ umzusetzen. Die Kontexte der eigenen Organisation werden deshalb auch mithilfe von Begriffen beschrieben, die im Austausch mit den Geldgebern zentral sind, wie z.B. backwardness oder development. Solche Begriffe sind über die institutionelle Einbindung hinaus in indischen Diskursen relevant – manchmal umstritten – und werden mit bestimmten Deutungen und Erklärungen verbunden.

In meinem Dissertationsprojekt verfolge ich auf der Grundlage dieser Annahme einer „doppelten Einbindung“ der Organisationen die Frage, unter Aneignung welcher Begrifflichkeiten und Praxen sich die Akteurinnen selbst darstellen. Daran anschließend interessiert mich, welche Aussagen über die Chancen und Grenzen der Arbeit der Frauenrechtsorganisationen möglich werden, wenn die (Selbst-)Darstellungen verschieden positionierter Akteurinnen gegenüber gestellt werden. Diese Fragen sollen mithilfe von qualitativen Interviews und teilnehmender Beobachtung angegangen werden. Ziel ist es nicht nur, das bisher lückenhafte Wissen über das konkrete Feld auszubauen, sondern im Ergebnis auch zu einem besseren theoretischen Verständnis der Praxis der Akteurinnen im Rahmen ihrer „doppelten Einbindung“ zu gelangen – eine Praxis, die bisher z.B. mit dem Begriff „Übersetzung“ zu fassen versucht wurde. Die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung der verfolgten Ziele – wie z.B. „Emanzipation“ – weist darüber hinaus auf theoretischer Ebene auf das Verhältnis von sozia-lem Wandel und sozialer Reproduktion bzw. Stabilität.

Einen Ausgangspunkt bildet die von Shmuel N. Eisenstadt angestoßene multiple modernities-Debatte. Der Bezug auf Aspekte von Eisenstadts Ideen ermöglicht es, die „doppelte Einbindung“ der Frauenrechtsorganisationen nicht als Widerspruch zwischen traditionalen („nicht-westlichen“) und modernen („westlichen“) Deutungszusammenhängen zu verstehen, d.h. die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht am Maßstab einer „westlichen Moderne“ zu messen. Dies soll den Weg ebnen, um die Praxis der Akteurinnen als Aneignung von und Auseinandersetzung mit verschiedenen Elementen unterschiedlicher Kontexte und „Herkünfte“ zu beschreiben. Eine solche praxistheoretische Perspektive könnte helfen, im konkreten Kontext zu beschreiben, welche Veränderungen für Frauen ermöglicht bzw. verhindert werden. Insgesamt soll versucht werden, in der Beschäftigung mit dem gewählten empirischen Feld praxistheoretische Argumente mit Aspekten der multiple modernities-Debatte zusammenzubringen.

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