Neuerscheinungen

Schürmann, Felix, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens. Rubondo (Tansania), 1880–1980, Göttingen 2026.

Eine Insel vermeintlich unberührter Natur inmitten eines ökologischen Katastrophengebiets: Während der Viktoriasee weithin als mahnendes Beispiel für die Zerstörung von Biodiversität durch die Ansiedlung invasiver Arten gilt, so steht die Insel Rubondo im Ruf, zu den letzten Resten einer intakten Tier- und Pflanzenwelt in Afrika zu zählen. Doch auch das Artengefüge auf der tansanischen Insel ist durch die Einführung vormals gebietsfremder Spezies verändert worden. Nashörner und Giraffen, Schimpansen und Mantelaffen, Elefanten und Antilopen – in der Umbruchphase der Dekolonisation haben Naturschützer ab 1963 rund einhundert große Säugetiere nach Rubondo gebracht, um die Insel in eine neuzeitliche »Arche Noah« für die bedrohte Fauna Ostafrikas zu verwandeln. Für diese planmäßige Verwilderung mussten die dort lebenden Menschen, die Nyarubondo, die Insel verlassen. Zum ersten Mal erzählt Felix Schürmann die Geschichte der ältesten und größten Naturschutzinsel Afrikas und ordnet die Vorgänge in die aktuellen Debatten um das massenhafte Aussterben von Arten und um die Möglichkeit einer Dekolonisierung von Natur ein. Er zeigt, wie Menschen schon während der deutschen Herrschaft in das Artengefüge von Rubondo eingegriffen und unter kolonialen Voraussetzungen die Bedingungen für das Leben von vielen Spezies verändert haben.

“Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens” ist im August 2026 im Wallstein-Verlag erschienen.


Werner, Anja, Deaf German Missionary Berta Foster (1939–2018) and Deaf Education in West Africa. A Woman in the Background, London 2026.

In 1960, 21-year-old Berta Zuther left her life in West Berlin behind to join African American missionary Andrew Foster in Ghana, thus embarking on a journey that would span three continents and result in the establishment of schools for the deaf across Africa. Berta and Andrew were both deaf themselves. They got married in Nigeria in 1961 and devoted their lives to building educational opportunities for deaf Africans - founding 32 schools, churches, and community centers in 13 African countries between 1957 and 2009.

This volume places Berta Foster at the center of interest, a woman who has remained largely invisible in existing accounts of her husband’s pioneering educational mission. While Andrew Foster has been celebrated as an icon in Black and Deaf American history, Berta's crucial contributions as administrator and driving force not just behind their German support network have been overlooked. Drawing on private family archives, including hundreds of personal letters, and interviews with family members as well as former students and colleagues from deaf communities in Ghana and Nigeria, this book explores how deafness, gender, and race intersected in the lives of a Christian couple working across cultural boundaries during the Cold War era.

“Deaf German Missionary Berta Foster (1939-2018) and Deaf Education in West Africa” ist im Juli 2026 im Routledge Verlag erschienen.


Müller, Sara, Zeugen des Kolonialismus Ethnographische Objekte und die deutsche Vergangenheit in Ozeanien, Bielefeld 2025.

Die Verstrickungen zwischen ethnographischen Objekten und dem deutschen Kolonialismus sind längst kein Geheimnis mehr. Der Einfluss wissenschaftlicher Expeditionen auf die Aneignung von Objekten ist hingegen weniger bekannt. In den Jahren 1912 und 1913 erforschte die Kaiserin-Augusta-Fluss-Expedition die Sepik-Region in Deutsch-Neuguinea. Anhand ausgewählter Objektbiografien aus der Ethnologischen Sammlung in Göttingen und mithilfe der historischen Provenienzforschung betrachtet Sara Müller den gesamten Kontext der Aneignung der Objekte. Sie werden so zu Zeugen von wirtschaftlicher Ausbeutung, politischen Interessen, Gewalt gegen Menschen sowie der Logistik und dem Umgang mit Objekten in deutschen Sammlungen im 20. Jahrhundert.

“Zeugen des Kolonialismus” ist im November 2025 im transcript Verlag erschienen.


Titelseite

Schröder, Iris/Bachour, Natalia/Schmidt-Funke, Julia (Hg.), Thematic Section: Ulrich Jasper Seetzen’s Travels to the Middle East: Ways of Knowing and Translation, in: Mediterranea. International Journal on the Transfer of Knowledge 10 (2025), S. 123–361.

This thematic section explores Ulrich Jasper Seetzen’s (17671811) travels through the Middle East, framing him as a knowledge broker between Europe and the Ottoman world. Drawing on his diaries and collections, the contributions examine Seetzen’s observations of local physicians, religious groups, and cultural practices, as well as his role in collecting manuscripts, artifacts, and linguistic data. By analyzing his encounters with Ottoman society from medical traditions to renegades and Bedouin communities the articles highlight Seetzen’s efforts to document and translate knowledge across cultural boundaries. The section challenges simplistic Orientalist narratives, instead emphasizing the complexities of cross-cultural exchange, the limits of European understanding, and Seetzen’s position as an intermediary in a transnational network of scholarship. It invites a critical reassessment of how knowledge about the Middle East was produced, circulated, and contested during the early nineteenth century.

This thematic section was published in April 2025 in Mediterranea. International Journal on the Transfer of Knowledge.


Koloniales Erbe in Thüringen

Rausch, Sahra/Bürger, Christiane (Hg.), Koloniales Erbe in Thüringen, Berlin 2025.

Die Bedeutung der kolonialen Vergangenheit für die Gegenwart bewegt derzeit die öffentlichen Debatten wie kaum ein anderes Thema. Dabei geraten zunehmend die Regionen fernab der Metropolen in den Blick, schließlich reichten die kolonialen Verbindungslinien bis in das dörfliche Kolonialwarengeschäft. Der Sammelband fragt nach den Spuren der kolonialen Vergangenheit im Lokalen und zeichnet dabei auch Thüringens Verflechtungen in kolonialen Strukturen im Globalen nach. Die Beiträge erstrecken sich von der Frühen Neuzeit bis in die Transformationszeit ab 1990. Das Buch bietet eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Forschungsinitiativen an den Thüringer Universitäten und bildet darüber hinaus auch gesellschaftspolitische Perspektiven von dekolonialen Initiativen und Künstler*innen ab. Der Band entstand in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Patricia Vester. Ihre eigens für diese Publikation entworfene Graphic Novel und Illustrationen geben Anregungen für die schulische oder außerschulische Thematisierung der kolonialen Vergangenheit.

“Koloniales Erbe in Thüringen” ist im Januar 2025 im Deutschen Kunstverlag (DKV) erschienen.


Moerike 2024

Tobias Mörike, Palästina begreifen. Wissensdinge, Akteursnetzwerke, Raumerzählungen (1877–1929), Frankfurt a. M./New York 2024.

Dinge vermitteln Vorstellungen und belegen Erkenntnisse. Das »Heilige Land« war seit dem späten 19. Jahrhundert Gegenstand theologischer Forschung und wissenschaftlicher Landeskunde. Karten, Pflanzenbelege und ethnographische Gegenstände, denen Tobias Mörike als Wissensdinge nachgeht, vermittelten Vorstellungen eines Freilichtmuseums der Bibel und einer modernen zukünftigen Kolonie. Auf Grundlage der durch Dinge vermittelten Beziehungen geht dieses Buch den Verbindungen christlicher imperialer Palästinaforschung und der wissenschaftlichen Landeskunde des frühen Zionismus vom späten 19. Jahrhundert bis in die Mitte der 1920er Jahre nach.

“Palästina begreifen” ist im Dezember 2024 im Campus Verlag erschienen.


Wandlungen des Sammelns

Friedrich, Susanne/Mangold, Jana/Rau, Susanne (Hg.), Wandlungen des Sammelns. Praktiken, Wissen, Anordnungen – Ein Reader, Bielefeld 2024.

Das Sammeln ist als Kulturtechnik zu begreifen, die synchron verschiedene Ausprägungen kennt und diachron einem beständigen Wandel unterliegt. Sammlungen sind Resultate spezifischer Praktiken: Sie spiegeln in ihrer epistemologischen und ästhetischen Anordnung die kulturellen Ordnungen und Topographien ihrer Zeit, wodurch sie Wissensräume ab- und ausbilden. Die Beiträger*innen dieses Readers fokussieren auf sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichten und etablieren damit eine interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Sammlungsforschung - ein innovativer Ansatz, der sammlungs- und kulturgeschichtliche Zusammenhänge multiperspektivisch sichtbar macht.

Wandlungen des Sammelns ist im Oktober 2024 im Transcript Verlag erschienen.