Probabilistisches Entscheiden bei Kindern

Was soll auf mein Frühstücksbrot? Mit welchem Kind möchte ich spielen? Welche Gutenachtgeschichte möchte ich heute hören?

Eltern, Erzieher und Lehrer wollen Kinder zunehmend selbst Entscheidungen treffen lassen. Auch Organisationen wie UNICEF empfehlen, dass Kinder mehr in politische und gesellschaftliche Entscheidungen eingebunden werden sollen. Doch, ob Kinder gute Entscheidungen treffen, darüber wissen wir bislang nur wenig. In unserem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt versuchen wir diese Frage zu beantworten. Dazu konfrontieren wir Kinder unterschiedlichen Alters mit Entscheidungsspielen und beobachten, wie sie beispielsweise nach relevanten Informationen suchen, Entscheidungsregeln anwenden oder mit den Folgen von Entscheidungen umgehen. All dies zeigt uns, wie Entscheidungen beschaffen sein müssen, damit Kinder sie gut bewältigen können.

Erste Projektphase 2013-2017

Mit insgesamt 226.000 Euro fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Projekt „Probabilistisches Entscheiden bei Kindern“ von Prof. Dr. Tilmann Betsch vom Lehrstuhl für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Universität Erfurt. Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Kinder Entscheidungen unter Risiko treffen und wie sich die Entscheidungskompetenz vom Kindergartenalter bis zum mittleren Schulalter entwickelt.

Ab welchem Alter und unter welchen Bedingungen nutzen Kinder systematisch probabilistische Information bei Entscheidungen? Wie nutzen sie diese – als Kriterien zur Ausrichtung selektiver Informationssuche und/oder zur Gewichtung der Werte bei der Integration von Information? Hinsichtlich dieser Fragen herrscht eine uneinheitliche Befundlage in der empirischen Forschung. Vor dem Hintergrund zweier Modellklassen des Entscheidens (Ansatz multipler Strategien vs. konnektionistischer Ansatz) werden konkurrierende Annahmen über Prozesse des Entscheidens abgeleitet. Diese Annahmen sollen in einer Reihe von Laborexperimenten mit Kindergartenkindern und Schulkindern im Vergleich zu Erwachsenen systematisch untersucht werden. Die dafür entwickelte kindgemäße Entscheidungsumwelt verwendet ein Informationsboard und erlaubt neben der Variation von Aufgabenmerkmalen die verhaltensbasierte Messung der Nutzung von Wahrscheinlichkeiten bei der Informationssuche und der Informationsintegration. Die Ergebnisse sollen nicht nur helfen die obigen Fragen zu klären, sondern auch die Grundannahmen konkurrierender Modellklassen der Entscheidung kritisch überprüfen.

Zweite Projektphase 2017-2021

Mit weiteren 371.000 Euro fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Projekt „Probabilistisches Entscheiden bei Kindern“ des Lehrstuhls für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie unter der Leitung von Prof. Dr. Tilmann Betsch. Erforscht wird, wann Kinder gute Entscheidungen treffen können. „Unsere bisherige Forschung hat gezeigt, dass Kinder schon ganz viel können“, meint Tilmann Betsch, „allerdings gibt es Umwelten, die es ihnen erschweren oder erleichtern ihre Fähigkeiten zu nutzen“. In der zweiten Phase des Forschungsprojektes wird deshalb untersucht, wie Entscheidungsumwelten beschaffen sein müssen, damit Kinder gute Entscheidungen treffen können. Dabei untersucht das Forschungsprojekt Entscheidungen bei denen Wahrscheinlichkeiten eine Rolle spielen: „Kinder im Grundschulalter und sogar im Vorschulalter können Wahrscheinlichkeiten nutzen. Aber nur wenn es die Umwelt ihnen leicht macht. Aber es ist ein langer Weg bis Kinder das auch unter schwierigen Bedingungen schaffen“, so Tilmann Betsch.

Ausgewählte Forschungsergebnisse

Nutzen Kinder relevante Informationen für Entscheidungen? Und lassen sie sich durch unwichtige Informationen ablenken?

Um Entscheidungen zu treffen, ist es oft wichtig, mit Wahrscheinlichkeiten umgehen zu können. Konsequenzen einer Entscheidung sind meist nicht mit Sicherheit aber mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorhersagbar. Ab wann können Kinder Wahrscheinlichkeiten für ihre Entscheidungen zu nutzen?

Um diese Frage zu beantworten, wurden Kinder im Alter von 6 und 9 Jahren mit einem Entscheidungsspiel konfrontiert: In diesem Spiel, sollten die Kinder nach versteckten Schätzen suchen und hatten dabei zwei Tiere als Ratgeber. Diese Tiere geben an, wo der Schatz versteckt ist, liegen allerdings nicht immer richtig. Vorhersagen des ersten Tieres trafen in 50% zu, die des zweiten Tieres in 83%. Kinder und Erwachsene erlebten diese „Trefferwahrscheinlichkeit“ der Ratgeber. Anschließend entschieden sie sich mehrmals, wo sie nach dem Schatz suchen wollten und konnten dabei den Ratschlägen des schlaueren oder des dümmeren Tieres folgen. Zusätzlich wurde entweder das schlauere oder das dümmere Tier der Freund der Kinder oder Erwachsenen. Dem Freund zu folgen, kann zu besseren Entscheidungen führen, wenn er ein guter Ratgeber ist. Es führt allerdings zu schlechteren Entscheidungen, wenn er das dümmere Tier ist.

Die Ergebnisse zeigen, dass Erwachsene dem schlaueren Tier mehr vertrauten als Kinder. Sie berücksichtigen demzufolge die „Trefferwahrscheinlichkeit“. Im Alter von neun Jahren ist die Fähigkeit der richtigen Nutzung von Wahrscheinlichkeitsinformation noch nicht vollständig ausgebildet. Kindergartenkinder sind zudem noch besonders anfällig für irrelevante Informationen. Verglichen mit Grundschülern und Erwachsenen vertrauten sie ihrem Tierfreund auch dann, wenn die Vorhersagen des anderen Tieres häufiger zutrafen.

Zudem hat unsere Studie gezeigt, dass bereits Kindergartenkinder viele Informationen berücksichtigen können. Sie wissen allerdings nicht, welche Informationen für Entscheidungen wichtig sind. Der Einfluss von irrelevanter Information ist in dieser Altersgruppe besonders groß.

Artikel: Betsch, T., & Lang, A. (2013). Utilization of probabilistic cues in the presence of irrelevant information: A comparison of risky choice in children and adults. Journal of Experimental Child Psychology, 115, 108–125. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2012.11.003

Wie gut können Kinder wichtige Informationen für eine Entscheidung suchen?

Oft sind nicht alle für Entscheidungen relevanten Informationen verfügbar, sondern müssen erst mühsam gesammelt werden. Die Fähigkeit Informationen zu suchen beeinflusst deshalb oft die Entscheidungsqualität: Wenn nicht alle relevanten Informationen gesucht wurden, kann keine gute Entscheidung getroffen werden. Wir untersuchen deshalb, ab welchem Alter Kinder Informationen suchen können. Dabei konfrontieren wir Kinder mit Entscheidungsumwelten in denen unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten und Suchrestriktionen berücksichtigt werden müssen. So dürfen zum Beispiel nur wenige Informationen gesucht werden. Dann ist es besonders wichtig, dass nur wirklich wichtige Informationen gesucht werden. Das sind in diesem Fall Informationen die mit hohen Wahrscheinlichkeiten verknüpft sind und deshalb für die Entscheidung besonders hilfreich sind. Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren suchen jedoch nicht gerichtet nach Informationen. Häufig suchen sie vor allem unwichtige Informationen und treffen deshalb auch schlechte Entscheidungen. Neunjährige Kinder können allerdings bei der Entscheidung selbst Wahrscheinlichkeiten berücksichtigen. Dies lässt uns vermuten, dass das Verständnis für Wahrscheinlichkeiten besser ausgeprägt sein muss, wenn es die Informationssuche leiten soll. Für Informationsintegration reicht hingegen auch intuitives Verständnis von Wahrscheinlichkeiten.

Artikel: Betsch, T., Lehmann, A., Lindow, S., Lang, A., & Schoemann, M. (2016). Lost in search: (Mal-)adaptation to probabilistic decision environments in children and adults. Developmental Psychology, 52, 311–25. https://doi.org/10.1037/dev0000077

Was ist schwieriger? Wichtige Informationen suchen oder unwichtige Informationen ausblenden?

Unterschiedliche Umwelten stellen verschiedene Herausforderungen an den Entscheider. Manchmal muss er erst alle wichtigen Informationen suchen um dann eine Entscheidung zu treffen. Deshalb gehört es zu guten Entscheidungen strategisch nach Information suchen zu können. Gelingt dies nicht, leidet die Entscheidungsqualität. Andere Umwelten bieten bereits viele Informationen an. Hier muss zwar nicht erst mühsam gesucht werden, es ist aber schwierig, sich vor der Einflussnahme von irrelevanter Information zu schützen. Wir untersuchen, ob diese unterschiedlichen Umwelten Kindern das Entscheiden erleichtern oder erschweren.

Die Ergebnisse zeigen, dass Grundschulkinder profitieren, wenn alle Informationen verfügbar sind und nicht mühsam gesucht werden müssen. Vorschulkinder treffen jedoch auch in einer solchen Umwelt keine besonders guten Entscheidungen. Alle Kinder, und sogar Erwachsene, lassen sich jedoch auch von unwichtigen Informationen beeinflussen. Dies mindert zwar die Entscheidungsqualität, zeigt aber auch, dass Kinder in der Lage sind, viele Informationen gleichzeitig zu berücksichtigen.

Artikel: Betsch, T., Lang, A., Lehmann, A., & Axmann, J. M. (2014). Utilizing probabilities as decision weights in closed and open information boards: A comparison of children and adults. Acta Psychologica, 153, 74–86. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2014.09.008

Sind Entscheidungen mit Feedback für Kinder (noch) schwieriger?

Zu erfahren, ob eine Entscheidung gut oder schlecht war, kann enorm hilfreich sein und zu besseren Entscheidungen führen. Wenn Kinder über das Ergebnis ihrer Entscheidungen informiert werden, kann dies aber auch von wichtigeren Informationen ablenken oder falsch interpretiert werden: Zum Beispiel neigen Kinder dazu, nach nur einer Enttäuschung ihr Entscheidungsverhalten sofort zu ändern. Oft ist es aber so, dass selbst optimale Entscheidungen nicht immer zu guten Ergebnissen führen. Wir untersuchen daher, ob Kinder schlechtere Entscheidungen treffen, wenn sie sofort über das Ergebnis ihrer Entscheidung informiert werden.

Dazu trafen Kinder im Alter von 6 Jahren und 9 Jahren Entscheidungen, bei denen Wahrscheinlichkeiten berücksichtigt werden sollten. Die Hälfte der Kinder wurde direkt nach jeder Entscheidung informiert, ob diese zu einem positiven oder negativen Ergebnis führte. Die andere Hälfte der Kinder erfuhr dies nicht.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass insbesondere kleinere Kinder im Alter von 6 Jahren besonders stark auf negative Ergebnisse reagieren und dazu tendieren, ihr Entscheidungsverhalten sofort zu ändern. Jedoch ignorieren die meisten Kinder in diesem Alter Wahrscheinlichkeiten auch dann, wenn sie nicht sofort über Entscheidungsergebnisse informiert werden. Sie benutzen stattdessen irrelevante Informationen um ihre Entscheidungen zu treffen. Dies tun sie jedoch ziemlich systematisch. Ältere Kinder treffen schon bessere Entscheidungen, sie reagieren nicht mehr übermäßig auf negative Entscheidungsergebnisse und berücksichtigen teilweise die relevanten Wahrscheinlichkeiten.

Das zeigt, dass Kinder ab sechs Jahren grundsätzlich in der Lage sind, systematisch Informationen zu nutzen um Entscheidungen zu treffen. Jedoch können sie nur schlecht erkennen, dass Wahrscheinlichkeiten berücksichtigt werden sollen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Kinder das Ergebnis von Entscheidungen sofort erleben oder nicht.

Artikel: Lang, A. & Betsch, T. (2018). Children’s neglect of probabilities in decision making with and without feedback. Frontiers in Psychology 9, Article: 191. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00191

Forschungsparadigma: Entscheidungsspiel "Schatzsuche mit meinen Freunden den Tieren"

Schatzsuchespiel Holz

Um die Entwicklung des Entscheidungsverhaltens untersuchen zu können, wurde im Rahmen des Forschungsprojektes ein kindgerechtes Entscheidungsspiel entwickelt. Unser Schatzsuchespiel ist ein Entscheidungsspiel zur Untersuchung von Entscheidungsverhalten bei Kindern und Erwachsenen, das ähnlich dem „Mouselab“ Paradigma (Payne, Bettman, & Johnson, 1988) aus der Entscheidungsforschung mit Erwachsenen gestaltet wurde.

Im Schatzsuchespiel wird ein Schatz gesucht, der in einem von mehreren Häusern versteckt ist. Um diese Aufgabe zu meistern, können sich die Versuchspersonen zunächst Tiere aussuchen, die bei der Schatzsuche helfen. Die Tiere geben Hinweise, was in den Häusern versteckt sein wird – entweder ein Schatz oder eine Spinne. Indem man die Tiere nach ihrer Meinung fragt, kann man herausfinden, in welchem Haus der Schatz versteckt ist. Doch nicht alle Tiere geben dieselben Hinweise und nicht alle Tiere sind gleich schlau.

Das Schatzsuchespiel besteht aus zwei unterschiedlichen Phasen. In einer Lernphase lernen die Versuchspersonen zunächst die Validität jedes Tieres, d.h. dessen Trefferwahrscheinlichkeit, durch Beobachtung. In der folgenden Testphase entscheiden die Versuchspersonen dann wiederholt zwischen verschiedenen Häusern und können dabei die Hinweise der Tiere nutzen. Während der Testphase werden die Validitäten durch die sogenannten „Schlaupunkte“ repräsentiert, die in der vorangegangen Lernphase vergeben wurden. Durch das erfahrungsbasierte Lernen der Validitäten und deren einfache Darstellung durch absolute Häufigkeiten, kann das Schatzsuchespiel schon bei Kindern ab dem Vorschulalter verwendet werden.

Das Schatzsuchespiel liegt als Brettspiel (z.B. Betsch, & Lang, 2013), Computerprogramm (Mousekids: z.B. Betsch, Lang, Lehmann, & Axmann, 2014) und als Kartenspiel vor (Betsch, Lindow, Lehmann, & Stenmans, 2020). Das Computerprogramm stellen wir mit zugehörigem Manual für nichtkommerzielle Zwecke hier kostenlos zur Verfügung.

Blick ins Forschungslabor

Ohne unser großes Team an Versuchsleitern wäre unsere Forschung nicht möglich. Vielen Dank für euren Einsatz! Unser Dank gilt auch den vielen Schulen und Kitas in ganz Thüringen, die uns bei unserer Forschung unterstützen.

Einblick in unser Forschungslabor gibt dieser Film.

Publikationen

Betsch, T., Lindow, S., Lehmann, A., & Stenmans, R. (2021). From perception to inference: Utilization of probabilities as decision weights in children. Memory and Cognition. https://doi.org/10.3758/s13421-020-01127-0

Betsch, T., Lehmann, A., Lindow, S., & Buttelmann, D. (2020). Children's trust in informants in risky decisions. Cognitive Development, 53, 100846. https://doi.org/10.1016/j.cogdev.2019.100846

Betsch, T., Lehmann, A., Jekel, M., Lindow, S., & Glöckner, A. (2018). Children’s application of decision strategies in a compensatory environment. Judgment and Decision Making, 13, 514–528. http://journal.sjdm.org/18/18225/jdm18225.pdf

Betsch, T., Wünsche, K., Großkopf, A., Schröder, K., & Stenmans, R. (2018). Sonification and visualization of predecisional information search: Identifying toolboxes in children. Developmental Psychology, 54, 474-481. https://doi.org/10.1037/dev0000447

Lang, A., & Betsch, T. (2018). Neglect of probabilities in decision making with and without feedback. Frontiers in Psychology9, 191. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00191

Betsch, T., Lehmann, A., Lindow, S., Lang, A., & Schoemann, M. (2016). Lost in Search: (Mal-) Adaptation to probabilistic decision environments in children and adults. Developmental Psychology, 52, 311-325. https://doi.org/10.1037/dev0000077

Betsch, T., Ritter, J., Lang, A., & Lindow, S. (2016). Thinking beyond boundaries. In L. Macchi, M. Bagassi, & R. Viale (Eds.), Cognitive unconscious and human rationality. Cambridge, MA: MIT Press.

Betsch, T., Lang, A., Lehmann, A., & Axmann, J.M. (2014). Utilizing probabilities as decision weights in closed and open information boards: A comparison of children and adults. Acta Psychologica, 153, 74-86. http://dx.doi.org/10.1016/j.actpsy.2014.09.008

Betsch, T., & Lang, A. (2013). Utilization of probabilistic cues in the presence of irrelevant information: A comparison of risky choice in children and adults. Journal of Experimental Child Psychology, 115, 108–125. 

dx.doi.org/10.1016/j.jecp.2012.11.003

Beteiligte Wissenschaftler

Projektleiter: Prof. Dr. Tilmann Betsch

Projektmitarbeiterin: Dr. Stefanie Lindow

Assoziierte Promotionsprojekte am Lehrstuhl:

Kooperationspartner: