Tagungsbericht „Gott in der frühen Phänomenologie“

Am 24. und 25. April 2026 fand auf dem Makovecz Campus Alapítvány die internationale Tagung „Die Gottesfrage in der frühen Phänomenologie“ (für das Programm vgl. https://makovecz-campus.hu/konferenciak/die-gottesfrage-in-der-fruhen-phanomenologie/) statt. Organisiert von Anna Varga-Jani, Collegium Professorum Hungarorum, und Holger Zaborowski, Universität Erfurt, widmete sich die Konferenz einem zentralen, lange Zeit marginalisierten Thema der phänomenologischen Forschung: der Frage nach Gott im Kontext der frühen Phänomenologie. 

Im Zentrum stand dabei die systematische und historische Erschließung religionsphilosophischer Dimensionen im Denken früher phänomenologischer Autorinnen und Autoren. Bereits die beiden Auftaktvorträge (Monika Adamczyk-Enriquez, Köln, Deutschland, und Alice Togni, Salento, Italien) machten deutlich, dass die vermeintliche „Gottesferne“ der Phänomenologie – etwa bei Edmund Husserl – differenzierter zu betrachten ist: Husserls methodische Zurückhaltung gegenüber theologischen Aussagen wurde als produktive Spannung zwischen philosophischer Strenge und religiöser Fragestellung interpretiert. Die folgenden Beiträge erweiterten dieses Bild. Diskutiert wurden u. a. die personalistischen Ansätze von Dietrich von Hildebrand (Valentina Gaudiano, Figline e Incisa Valdarno, Italien) oder auch Adolf Reinachs späte religionsphilosophische Überlegungen, die im Kontext eines „Weges zu Gott“ zu verstehen seien (Nadja El Beheri und Anna Radványi, Budapest). Dabei zeigte sich, dass die frühe Phänomenologie keineswegs religionsblind ist, sondern vielfältige Zugänge zur Erfahrung des Göttlichen eröffnet. Ein besonderer Schwerpunkt lag bewusst auch auf weiblichen Stimmen der Phänomenologie. Denn frühe Phänomenologinnen wie Edith Stein, Hedwig Conrad-Martius oder Gerda Walther haben sich intensiv mit der Frage nach einer Methode für die Auseinandersetzung mit der religiösen Frage auseinandergesetzt. Vorträge zu Hedwig Conrad-Martius (Joachim Feldes, Dannstadt-Schauernheim, Deutschland, und Daniel Neumann, Graz, Österreich), Edith Stein (Anna Varga-Jani, Budapest, Ungarn) und Gerda Walther (Dermot Morran, Boston, USA) rückten deren eigenständige Beiträge zur Religionsphilosophie in den Fokus. Auch Alexander Pfänder und Alexandre Koyré waren wichtige Stimmen der frühen Phänomenologie. Ihr Nachdenken über die Gottesfrage mit Blick auf ihre psychischen Dimensionen einerseits sowie auf die Differenzen zwischen Anselm von Canterbury und René Descartes andererseits wurde ebenfalls thematisiert; über Pfänder sprach Mátyás Szalay, Budapest, Ungarn, und über Koyré Virgilio Cesarone, Chieti-Pescara, Italien. Der Vortrag über Martin Heideggers Suche nach einem „ursprünglichen Christlichen“ als ein Versuch, die Gottesfrage jenseits traditioneller Metaphysik neu zu denken (Holger Zaborowski, Erfurt, Deutschland) kontextualisierte die Fragestellung im derzeitigen Problemfeld von Glaube und Vernunft.

Die Tagung zeichnete sich durch die Verbindung von historischer Forschung und systematischer Reflexion aus. Neben der Rekonstruktion klassischer Positionen wurde immer wieder nach deren Aktualität gefragt: Welche Rolle kann die Gottesfrage heute in einer philosophisch pluralen und oft säkular geprägten Gegenwart spielen? Insgesamt machte die Konferenz deutlich, dass die frühe Phänomenologie ein bislang unterschätztes Potential für die Religionsphilosophie bereithält. Sie eröffnet Zugänge zu einer nicht-reduktionistischen Beschreibung religiöser Erfahrung und ermöglicht es, die Gottesfrage neu – jenseits einfacher Gegensätze von Glauben und Wissen – zu stellen. Damit leistete die Tagung einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über das Verhältnis von Philosophie, Theologie und gelebter religiöser Erfahrung.

Die großzügige Unterstützung des Makovecz Campus Alapítvány, Ungarn, der Universität Erfurt, Deutschland, und derDeutschen Gesellschaft für Religionsphilosophie ermöglichte die Durchführung der Tagung. Eine Veröffentlichung der Konferenzbeiträge ist geplant. 

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