Fehler und Korrekturfähigkeit im Leseerwerb des Deutschen

Promotionsprojekt von Anna Thomas

Zu Beginn des Leseerwerbs übersetzen Kinder meist Grapheme (Buchstaben bzw. Buchstabengruppen) nacheinander in Phoneme (Laute) und fügen diese zu einem Wort zusammen. Dabei entstehen anfangs oft noch fehlerhafte Aussprachen. Um die Wortbedeutung trotzdem zu erkennen, müssen Kinder die gelesene Lautfolge mit ihrem Wortschatz der gesprochenen Sprache abgleichen und so anpassen, dass ein existierendes, sinnvolles Wort entsteht. Diese Korrekturfähigkeit – im Englischen Set for Variability genannt – hat sich in bisherigen Studien als bedeutender Prädiktor für Lesefähigkeiten erwiesen: Kinder, die Lautformen gut korrigieren können, lesen tendenziell besser.

In den meist englischsprachigen Studien wurde diese Fähigkeit mit folgender Aufgabe erhoben: Das Kind hört eine Lautform, die durch Anwendung üblicher Graphem-Phonem-Korrespondenzen entsteht, jedoch nicht der korrekten Aussprache entspricht. Anschließend soll es die Aussprache korrigieren und das Zielwort nennen. Da das Deutsche insgesamt regelmäßigere Graphem-Phonem-Korrespondenzen aufweist, treten solche Regularisierungsfehler hier seltener auf. Aufgrund der Unterschiede in der Orthographie, die mit anderen zu korrigierenden Lesefehlern einhergehen, lassen sich die Studienergebnisse aus dem Englischen nicht direkt auf das Deutsche übertragen. Ziel des Promotionsprojekts ist es deshalb, das Konzept der Korrekturfähigkeit für das Deutsche zu untersuchen.

Im ersten Projektteil analysieren wir, welche Arten von Lesefehlern Kinder im Deutschen zu Beginn des Lesenlernens häufig machen. Darauf aufbauend entwickeln wir im zweiten Teil passende Korrekturaufgaben, z.B. zu Vokallänge bzw. -qualität und/oder Betonung. Das Kind hört dann beispielsweise Lampe als [ˈlaːm.ˈpeː] und soll sagen, welches Wort gemeint sein könnte. Mit diesem Aufgabenformat untersuchen wir anschließend längsschnittlich die Zusammenhänge von Korrekturfähigkeit, weiteren sprachlichen Fähigkeiten und Lesefähigkeiten.

Auf theoretischer Ebene können die Ergebnisse zur Weiterentwicklung von Verarbeitungs- und Erwerbsmodellen des Lesens beitragen. Praktisch könnte die rein lautsprachliche Korrekturaufgabe perspektivisch auch als früher Risikomarker für Leseschwierigkeiten dienen, sofern sich die Korrekturfähigkeit als starker Prädiktor für spätere Leseleistungen erweist.