Praxeologien der Wahrheit

Forschungsgruppe "Praxeologien der Wahrheit"

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Ausgangspunkt unserer Forschungen zu Praxeologien der Wahrheit ist die Beobachtung, dass in den Debatten um die sogenannte „post-truth era“ eine Rückbesinnung auf die Wahrheit als Bezugspunkt einer neuen wissenschaftlichen und politischen Ernsthaftigkeit gefordert wird. Dies geschieht zumeist in kritischer Distanznahme zu postmodernen Epistemologien, die den Code von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ in relativistische Fragen nach Deutungshoheiten aufgelöst hätten. Unbefragt bleibt dabei, dass sich schon auf der Ebene diskursiver Verhandlungen zeigt, wie verschiedene technisch-mediale Szenarien, beteiligte Personen, kommunikative Praktiken und theoretische Reflexionshorizonte immer wieder eigene Formen dessen hervorbringen, was von einer sozialen Gruppe als Wahrheit in Anspruch genommen oder der Kritik unterworfen wird. Es gibt die Wahrheit also durchaus, sie scheint nur etwas anderes zu sein, als die klassischen Wahrheitstheorien annehmen: ein sozialer Operator.

Wahrheit wird in unserem Forschungszusammenhang daher praxeologisch untersucht, im Sinne eines situativ gebundenen doing truth. Damit die unterschiedlichen Formen des Vollzugs von Wahrheit näher beschrieben werden können, arbeiten wir an einem analytischen Vokabular, das sich an der heuristischen Unterscheidung von Wahrheitsszenen, Wahrheitsfiguren und Wahrheitsassemblagen orientiert. Mittels dieser Parameter, so unsere Annahme, lassen sich die Herausbildung, Stabilisierung/Deststabilisierung oder Transformation von Wahrheitskulturen und damit politischer Epistemologien beschreiben.

Der Forschungszusammenhang „Praxeologien der Wahrheit“ führt Überlegungen weiter, die erstmals im Rahmen der Konstanzer Forschungsinitiative „Wahrheit und Subjektivität“ zusammen mit Marcus Sandl, Rudolf Schlögl und Robert Suter (†) angestellt wurden.