Universität Erfurt

Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments

Fachprofil

Primärer Gegenstand der neutestamentlichen Exegese sind die Schriften des Neuen Testaments (und die zeitgleiche frühchristliche Literatur). Diese Schriften sind zwischen der Mitte des ersten und der Mitte des zweiten Jahrhunderts (zumindest mehrheitlich) im östlichen Mittelmeerraum entstanden. Aufgrund der darin begründeten enormen zeitlichen, geographischen und kulturellen Distanz sind diese Texte hinsichtlich ihrer Informationen und Intentionen für neuzeitliche (westliche) Leserinnen und Lesern nicht mehr unmittelbar verständlich.

Deshalb versucht eine historisch-kritisch ausgerichtete Exegese diesen »Graben« zwischen den neutestamentlichen Texten und ihren heutigen Leserinnen und Lesern zu überwinden und diese Texte auf dem Hintergrund der Welt und Zeit auszulegen, in der sie entstanden sind. Sie versteht sich als Anwältin der Texte und ihrer Verfasser. Die historisch-kritische Exegese geht dabei davon aus, dass sich die neutestamentlichen Schriften mit denselben Methoden analysieren und interpretieren lassen wie andere Texte der antiken Welt. Ihr Ziel ist eine Auslegung der neutestamentlichen Schriften, die prinzipiell für alle Menschen unabhängig von ihren persönlichen Glaubensüberzeugungen nachvollziehbar und in ihren Prinzipien und Methoden nachprüfbar ist.

Die historisch-kritische Exegese will die neutestamentlichen Texte als Dokumente ihrer Entstehungszeit und als Zeugnisse einer vergangenen Welt und Zeit würdigen und ernst nehmen. Dieses Anliegen hat sich auch das Zweite Vatikanische Konzil zueigen gemacht.

Dei Verbum 12: "Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend – mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen – hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muss man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren."

Damit anerkennt die römisch-katholische Kirche die Geschichtlichkeit und kulturelle Bedingtheit der biblischen Schriften und stellt der wissenschaftlichen Exegese die Aufgabe, diese Schriften unabhängig von der kirchlichen Rezeption ausgehend von ihrem Wortlaut (Literalsinn) im Blick auf ihren Entstehungskontext zu analysieren und zu interpretieren. Was dabei als methodisches Programm der Schriftauslegung umschrieben wird, trifft sich eindeutig mit den Prinzipien und Arbeitsschritten der historisch-kritischen Methode: die Berücksichtigung von Form und literarischer Gattung der Texte, die Frage nach der Entstehungssituation und die Berücksichtigung des historischen und soziokulturellen Kontextes der neutestamentlichen Texte.

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