Geschichte der Bibliothek

Kupferstich aus Hilaria Evangelica
Ernst Salomon Cyprian: Hilaria Evangelica. Gotha u.a. 1719.

1647 bis 1825

Die Geschichte der Forschungsbibliothek Gotha reicht bis 1640 zurück. In diesem Jahr entstand das Herzogtum Sachsen-Gotha. Sein Gründer, Herzog Ernst I., genannt der Fromme (1601–1675) brachte seine Büchersammlung nach Gotha mit und ließ sie in den Räumen des Gymnasiums im Gothaer Augustinerkloster aufstellen. Sie enthielt von seinen Vorfahren ererbten, älteren ernestinischen Familienbesitz sowie von ihm gekaufte und von ihm und seinen Brüdern während des Dreißigjährigen Krieges erbeutete Bücher. Im Zuge der Errichtung des Schlosses Friedenstein ließ Ernst I. seine Handbibliothek im Westturm des Schlosses aufstellen und begründete die Gothaer Hofbibliothek, die auch Herzogliche oder Fürstliche Bibliothek genannt wurde. Als ihr Gründungsdatum gilt das Jahr 1647, in dem der für die Bibliothek zuständige Andreas Rudolph (1601–1679) die erste größere Büchersammlung ankaufen konnte. Der Gelehrte Veit Ludwig von Seckendorff (1626–1692) erstellte 1657 das erste überlieferte Bücherverzeichnis.

Die Herzogliche Bibliothek war von Anfang an Ort fürstlicher Repräsentation und Sammellust sowie Stätte protestantischer Selbstinszenierung der Herzöge, die sich als Sachwalter des Luthertums verstanden. Sie diente als Gedächtnisspeicher der Reformation und als universales Wissensarchiv des Herzoghauses. Die Herzogliche Bibliothek von Sachsen-Gotha-Altenburg galt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als eine der wichtigsten Bibliotheken des protestantischen Kulturraums im Alten Reich. Zugleich war sie die bedeutendste Hofbibliothek der Ernestiner-Dynastie. Die Jahre von ihrer Gründung bis zum Erlöschen des Herzoghauses Sachsen-Gotha-Altenburg gelten als Zeitalter der großen und bedeutenden Erwerbungen. Unter Herzog Friedrich I. (1646-1691) wurden nach dem Erlöschen des Herzoghauses Sachsen-Altenburg und der daraufhin erfolgenden Integration Altenburgs in die Linie Sachsen-Gotha im Jahr 1673 große Teile der Altenburger Hofbibliothek in die Gothaer Sammlung integriert.  1678 ließ Friedrich I. die umfangreiche Bibliothek und den handschriftlichen Nachlass der Jenaer Theologen Johann und Johann Ernst Gerhard erwerben. Rund um das Reformationsjubiläum 1717 baute der Direktor der Bibliothek und Theologe Ernst Salomon Cyprian (1673–1745) insbesondere die reformationsgeschichtliche Sammlung im Auftrag seines Dienstherren deutlich aus.

Die Entwicklung der Herzoglichen Bibliothek Gotha war wesentlich von den persönlichen Interessen des jeweils regierenden Herzogs abhängig. Dessen Intentionen, Sammellust und finanzieller Einsatz spielten ebenso wie der Gestaltungswille des die Bibliothek leitenden Gelehrten eine entscheidende Rolle. Nach dem Tod Herzog Friedrichs II. verlor die Bibliothek als Instrument dynastisch und machtpolitisch geprägter Reformationsgeschichtsschreibung zunehmend an Bedeutung. Der für die Bibliothek zuständige Numismatiker Julius Carl Schläger (1706–1786) empfahl eine deutliche Kurskorrektur in der Erwerbungspolitik – hin zu den historischen, philosophischen und literarischen Schriften. Mit Besorgnis musste er feststellen, dass Herzog Friedrich III. (1699–1772) und seine Gemahlin Luise Dorothea (1710–1767) deutlich mehr Geld für ihre Handbibliotheken, die von dem Gelehrten Gottfried Christian Freiesleben (1716–1774) verwaltet und in Katalogen erfasst wurden, als für die Hofbibliothek ausgaben.

Diese erhielt dann erst unter dem seit 1772 regierenden Herzog Ernst II. (1745-1804) einen  immensen qualitativen und quantitativen Zuwachs. Ernst II. schenkte ihr zahlreiche kostbare mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften, Inkunabeln und seltene alte Drucke. Hierzu gehörte unter anderem der naturwissenschaftliche Nachlass der Botaniker und Zoologen Jakob (1637–1697) und Johann Philipp Breyne (1680–1764). Im Auftrag des Erbprinzen und späteren Herzogs August (1772–1822) erwarb der Naturforscher Ulrich Jasper Seetzen (1767–1811) auf seiner Reise durch den Nahen Osten knapp 1.500 arabische, persische und türkische Handschriften, welche die zunächst nur wenige orientalische Handschriften umfassende herzogliche Sammlung zu einer der wichtigsten ihrer Art im deutschsprachigen Raum machten.

 

1826-1918

Mit Herzog Friedrich IV. (1774–1825) starb die Herrschaftslinie von Sachsen-Gotha-Altenburg 1825 in männlicher Linie aus. In seinem Testament vom 13. Dezember 1824 verfügte er die Unveräußerlichkeit der Sammlungen und ihren Verbleib in Gotha. Dieser Fideikommiss sicherte den Erhalt von Bibliothek und musealen Sammlungen auf Schloss Friedenstein. Die Gothaer Bibliothek wurde als eine von zwei Bibliotheken des Doppelherzogtums Sachsen-Coburg und Gotha weitergeführt. Bereits seit 1822 war sie Teil der gemeinsam verwalteten wissenschaftlichen und Kunstsammlungen. Sie war nun nicht mehr dem Herzog unmittelbar unterstellt, sondern verschiedenen Ämtern oder einem Ministerium und firmierte als Staatsbibliothek.

Bereits unter Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg waren die in den privaten Gemächern der Herzöge und Herzoginnen aufgestellten fürstlichen Handbibliotheken in die Hofbibliothek überführt worden. Dazu zählten die an französischer Literatur der Aufklärungszeit reiche Bibliothek von Herzogin Luise Dorothea ebenso wie die ihres Sohnes, Herzog Ernsts II., die einen mathematisch-astronomischen Schwerpunkt hatte und die so genannte Theaterbibliothek seiner Gemahlin Charlotte (1751–1827). Die Integration der Handbibliotheken stellte die Bibliothekare vor große Herausforderungen; nunmehr doppelt vorhandene Bücher wurden ausgeschieden und verkauft, die verbliebenen 25.000 Bände musste bei weiterlaufendem regulärem Bibliotheksbetrieb in den Katalogen verzeichnet werden. So konnte die Integration erst Anfang der 1850er Jahre abgeschlossen werden. Sie ist mit dem Namen des Altertumswissenschaftlers Friedrich Jacobs (1764–1847) verbunden. Er stand für die Kontinuität der bibliothekarischen Arbeit auf Schloss Friedenstein, war er doch unter vier Herzögen tätig, den letzten drei der Sachsen-Gotha-Altenburger Linie und unter Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha (1784–1844). Von 1810 an leitete er 31 Jahre lang die Bibliothek. In seiner Zeit wurde der große systematische Katalog in 48 Bänden vollendet. Um die Bibliothek verdient gemacht hat sich auch der Indologe und Philologe Wilhelm Pertsch (1832–1899), der sie von 1883 bis zu seinem Tod leitete und die Sammlung orientalischer Handschriften in einem für die Zeit mustergültigen Katalog verzeichnete. Dieser Katalog war ein Meilenstein für die internationale Ausstrahlung der Gothaer Bibliothek. Der nachfolgende Bibliotheksdirektor Rudolf Ewald (1847–1927) machte die Bibliothek durch Ausstellungen der wertvollsten Bibliotheksobjekte weiter in der über die Nutzer der Bibliothek hinausgehende Öffentlichkeit bekannt. 1901 holte er den 2. Deutschen Bibliothekartag nach Gotha.

Die fürstlichen Handbibliotheken sollten für das gesamte 19. und 20. Jahrhundert der größte und bedeutendste Zugewinn der Gothaer Herzoglichen Bibliothek bleiben. War der Etat für Bucherwerbungen unter den Herzögen von Sachsen-Gotha-Altenburg im Vergleich zu den großen deutschen fürstlichen Bibliotheken klein und schwankte stark, so war er unter den Herzögen von Sachsen-Coburg und Gotha – im Vergleich zur Menge der auf dem Buchmarkt angebotenen Literatur – ausgesprochen gering. In einer Schrift von 1862 schlug der herzogliche Ministerialrat und Theologe Eduard Jacobi (1796–1865), der die Bibliothek kurzzeitig leitete, die Konzentration auf ausgewählte Fachgebiete vor. Die Bibliothek verabschiedete sich damit von ihrem universalen Sammelanspruch. Die Profilschärfung und Konzentration auf vor allem geisteswissenschaftliche Literatur trug den finanziellen Möglichkeiten Rechnung und erlaubte den Bibliothekaren, sich auf ihre historisch gewachsenen Sammlungen zu konzentrieren. Die Professionalisierung des deutschen Bibliothekswesens ermöglichte es der Bibliothek, ihre Erwerbungen mit den umliegenden mitteldeutschen Bibliotheken abzustimmen. Dieses Erwerbungsprofil wurde bis 1918 fortgeführt.

Zählte die Bibliothek 1723 insgesamt etwa 23.000, im Jahr 1746 knapp 30.000 und 1783 circa 60.000 Bände, so stieg die Zahl durch die Eingliederung der fürstlichen Handbibliotheken in den 1820er Jahren auf 110.000 Bände an. Bis 1850 war die Herzogliche Bibliothek die größte Bibliothek im Thüringer Raum. Im Jahr 1862 besaß sie 170.000 Bände.

Die Gothaer Hofbibliothek war von Beginn an für Mitglieder der herzoglichen Regierung und Verwaltung und – wie es in den frühesten Überlieferungen heißt – für alle Personen „ehrbaren Standes“ nutzbar. So konnten sowohl Gothaer Bürger als auch Gelehrte und Reisende die Bibliothek besuchen. Daneben waren auch Schüler des Herzoglichen Gymnasiums zur Benutzung zugelassen. Öffnungszeiten und Ausleihbestimmungen waren – wie auch in anderen fürstlichen Bibliotheken des 17. und 18. Jahrhunderts – nicht mit heutigen Möglichkeiten vergleichbar. Die Nutzung stand nicht im Vordergrund der bibliothekarischen Arbeit. Erste Besucherbücher lassen sich 1779 nachweisen, sind allerdings für nur wenige Zeiträume überliefert. Die erste gedruckte Benutzungsordnung ist 1775 unter Herzog Ernst II. nachweisbar. Im 19. Jahrhundert war der Nutzungsdruck in der Bibliothek nicht hoch. Die Zahl der Bibliotheksmitarbeiter hielt sich im gesamten Zeitraum des Bestehens der Bibliothek in engen Grenzen und betrug nicht mehr als fünf; über den Abbau dieser Stellen wurde seitens des Staatsministeriums immer wieder nachgedacht. Zwischen 1851 und 1861, als Wilhelm Heinrich Ewald (1791–1865) die Bibliothek und die Friedensteinschen Sammlungen leitete und insbesondere die Verzeichnung der Bücher in den Katalogen vorantrieb, hatten die Bibliotheksmitarbeiter montags bis sonnabends von 10 bis 13 Uhr Geschäftszeit, die Bibliothek war für die Entleihung von Büchern montags, mittwochs und sonnabends von 11 bis 13 Uhr geöffnet.

1918 bis in die Gegenwart

Die politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts haben in der Geschichte der Bibliothek tiefe Spuren hinterlassen. Die großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit prägen die Bibliotheksaktivitäten bis heute, die Aufarbeitung dauert an. In Folge der politischen Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg wurde Herzog Carl Eduard von Sachsen Coburg und Gotha (1884–1954) im Jahr 1918 abgesetzt und enteignet. Nach der Absetzung wurde die Bibliothek zur Landesbibliothek des kurzlebigen Freistaats Thüringen und schließlich des Landes Thüringen. Seit 1921 stand ihr der Schriftsteller Herman Anders Krüger (1871–1945) vor, der Abgeordneter der Weimarer Nationalversammlung und Mitglied der Regierung des 1920 gegründeten Landes Thüringen war. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Sanierung und räumliche Erweiterung der Bibliothek. Auch gründete er den ersten Freundeskreis, der kurze Zeit später mit seinem Weggang wieder aufgelöst wurde. Wegen seiner kompromisslosen Haltung zur Fürstenabfindung und die Gothaer Herzöge kompromittierenden Positionen wurde Krüger bereits 1925 von Herzog Carl Eduard entlassen. Seit 1919 hatte der Herzog auf Rückgabe des enteigneten Besitzes geklagt. Mit dem Familienschluss von 1928 wurde die fideikommissarische Gebundenheit des herzoglichen Privatvermögens aufgehoben. Es entstand die Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’sche Stiftung für Kunst und Wissenschaft, in die die Bibliothek und die anderen wissenschaftlichen und Kunstsammlungen eingebracht wurden. 1934 erfolgte dann der endgültige Vermögensübergang aus dem vormaligen Fideikommiss-Privatvermögen des Herzogs auf die herzogliche Kunststiftung.

1930 hatte der Verkauf von wertvollen Büchern und Handschriften eingesetzt. Veräußert wurden in den folgenden Jahren unter anderem zahlreiche Inkunabeln, Blockbücher, See- und Landkarten sowie der seit 1793 in der Herzoglichen Bibliothek aufbewahrte Nachlass des Mathematikers Johann Bernoulli (1667–1748). Als Gründe für die Verkäufe nannte der von 1935 bis 1945 als Direktor der Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft und somit auch der Bibliothek vorstehende Eberhard Schenk zu Schweinsberg (1893–1990) die schwierige finanzielle Situation der Stiftung.

Noch vor dem offiziellen Ende des Zweiten  Weltkrieges und kurz vor dem Abzug der amerikanischen Truppen aus Thüringen ließ die Herzog von Sachsen Coburg und Gotha’sche Stiftung für Kunst und Wissenschaft Spitzenstücke nach Coburg verbringen und in der Folge auf dem internationalen Antiquariatsmarkt verkaufen. Zu ihnen gehört das „Goldene Evangelienbuch“ von Echternach.

Im September 1945 wurde die große Bibliothek des ehemaligen herzoglichen Gymnasiums Gotha, dessen Gebäude von der Sowjetarmee zur Kaserne gemacht worden war, auf Schloss Friedenstein gebracht. Mit der Übernahme dieser Bibliothek befand sich nun der gesamte bis dahin überlieferte Buchbesitz der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg im Ostturm und Ostflügel des Schlosses Friedenstein. Anfang Januar 1946 wurde die ehemalige Herzogliche Bibliothek im geschätzten Umfang von 350.000 Bänden als Kriegsbeute des Zweiten Weltkrieges nahezu vollständig in die Sowjetunion abtransportiert. Zurückgelassen wurde lediglich die in und über Gotha publizierte Werke und schöngeistige Literatur der herzoglichen Sammlung sowie die Gymnasialbibliothek. In den freigewordenen Räumen der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek wurde 1953 die „Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände“ der Deutschen Demokratischen Republik eingerichtet. Als 1956 der größte Teil der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek aus der Sowjetunion nach Gotha restituiert wurde, kam die Arbeit der Zentralstelle zum Erliegen und wurde schließlich 1959 an die Deutsche Staatsbibliothek nach Berlin verlegt, wo sie bis 1995 bestand. Der Zentralstelle oblag es, die Weitergabe von historischen Büchern aus unterschiedlichen Quellen zwischen den Bibliotheken der DDR zu koordinieren und zu organisieren. Dabei handelte es sich um Bestände von Landes- und Gymnasialbibliotheken, die im Zusammenhang mit der politischen Neustrukturierung in der DDR aufgelöst worden waren, um Raubgut aus aufgelösten Institutionen der Nationalsozialisten und um Bücher, deren Besitzer im Zuge der in der Sowjetischen Besatzungszone durchgeführten Bodenreform enteignet worden waren. Ein Teil dieser Bestände wurde nach Gotha und von dort an andere DDR-Bibliotheken weitergeleitet. Ein weitaus größerer Teil ging an das Leipziger Zentralantiquariat der DDR, von wo aus die Bücher gegen Devisen auf dem internationalen Antiquariatsmarkt verkauft wurden. Einige Bücher behielten die Bibliothekare jedoch auch in Gotha. Die heutige Forschungsbibliothek Gotha gibt sie seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten an ihre ehemaligen Besitzer zurück.

Im Mai 1957 wurde die Gothaer Bibliothek als Landesbibliothek Gotha wiedereröffnet. Als die 1968 in der DDR verabschiedete Bibliotheksverordnung keine Landesbibliotheken mehr vorsah, ist es unter schwierigen Umständen gelungen, die Gothaer Bibliothek als Teil des „Methodischen Zentrums für wissenschaftliche Bibliotheken“ in Berlin (Ost) weiterzuführen. Die Bibliothek erhielt mit der Bezeichnung „Forschungsbibliothek“ den Status einer im Wesentlichen abgeschlossenen buchhistorischen Spezialsammlung, deren Hauptaugenmerk bis zum Fall der Berliner Mauer in der bibliographischen Erschließung ihrer bedeutenden historischen Bestände lag. Die wissenschaftliche Nutzung der Bibliothek war für Forscherinnen und Forscher außerhalb der DDR nur sehr eingeschränkt möglich. Aufgrund ihrer bibliographischen Leistungen sowie ihrer hervorragenden historischen Sammlungen wurde die Bibliothek im Zuge des Mauerfalls unter Leitung ihres von 1981 bis 1996 tätigen Direktors Helmut Claus (geb. 1933) Partnerin der großen gesamtdeutschen nationalbibliographischen Unternehmungen zur Erschließung der gedruckten Werke des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum (VD 16 und VD 17). 1991 wurde sie als Forschungs- und Landesbibliothek Gotha dem Land Thüringen mit dem Recht auf eigene Haushaltsführung direkt unterstellt und agierte als eine außeruniversitäre Institution. 1999 erfolgte dann ihre Integration in die Universität Erfurt, die 1994 wiedergegründet worden war und sich als geisteswissenschaftliche Reformuniversität versteht. Seit 1999 firmierte sie gemeinsam mit der Universitätsbibliothek Erfurt als Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, ihr Leiter war bis 2005 der Historiker und Bibliothekar Rupert Schaab (geb. 1962). Einen bemerkenswerten Zugewinn erhielt die Forschungsbibliothek 2002 durch die Übernahme eines Depositums von Briefen deutscher Auswanderer nach Amerika aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die in den Alten Bundesländern gesammelt worden waren. Die Sammlung wird seitdem um Auswandererbriefe, die in den Neuen Bundesländern zusammengetragen werden, ergänzt. 2003 übernahm die Forschungsbibliothek die Sammlungen der ehemaligen Verlage Justus Perthes Gotha bzw. Darmstadt sowie des VEB Hermann Haack Geographisch-kartographische Anstalt Gotha und machte sie durch umfangreiche bestandserhaltende, Katalogisierungs-, Digitalisierungs- und Erwerbungsaktivitäten für die Forschung nutzbar. Die unter dem Namen Sammlung Perthes Gotha firmierenden Sammlungen ergänzen die reichhaltigen geographischen Bestände der Forschungsbibliothek, die im 17. und 18. Jahrhundert vom Herzogshaus von Sachsen-Gotha-Altenburg gesammelt worden waren.

2014/2015 wurde die Bibliothek, die seit 2005 von der Germanistin und Bibliothekarin Kathrin Paasch (geb. 1966) geleitet wird, vom Wissenschaftsrat evaluiert. Seit 2018 ist die Forschungsbibliothek Gotha eine selbständige wissenschaftliche Einrichtung der Universität Erfurt. Sie versteht sich als eine forschende und Forschung unterstützende Institution. Die Forschungsbibliothek verzeichnet und erschließt ihre Handschriften, gedruckten Bücher, Karten und Archivalien in überregionalen Online-Datenbanken, restauriert und digitalisiert ihre besonders wertvollen und von der Forschung stark nachgefragten Werke. Sie präsentiert ihre Sammlungen und Arbeitsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit in Vorträgen, Tagungen und Ausstellungen und stellt ihre Objekte zur Nutzung im Original in der Bibliothek und in digitalisierter Form an jedem Arbeitsplatz weltweit zur Verfügung. Eines ihrer gedruckten Werke und eine arabische Handschrift wurden 2015 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Rahmen von Stipendienprogrammen aus aller Welt nach Gotha reisen, arbeiten heute in den Räumen der historisch gewachsenen, am angestammten Ort überlieferten Bibliothek, die Teil des kulturellen Erbes Thüringens von europäischem Rang und internationales Zentrum des wissenschaftlichen Austauschs und der Begegnung ist.

Auszüge aus Kathrin Paasch: Die Forschungsbibliothek Gotha und ihre Schätze. Heidelberg 2017 (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)