Gotha, Europa und der Orient

Wissens- und Handschriftenkulturen

Dank der Sammelleidenschaft lutherischer Theologen und vor allem der Ernestinischen Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg wurden in Gotha seit dem 17. Jahrhundert wahre Schätze aus verschiedenen Wissens- und Handschriftenkulturen zusammengetragen. Dies gilt nicht nur für die Reformationshandschriften  oder die Manuskripte  nachfolgender Jahrhunderte, welche die Episteme ihrer Entstehungszeit sowie der späteren Rezipienten und Sammler widerspiegeln und ein reich facettiertes, einzigartiges Zeugnis von der Wissenskultur am Gothaer Hof geben. Vielmehr wurden im Laufe der Jahrhunderte auch kostbare mittelalterliche und orientalische Handschriften gesammelt, die das Interesse der Herzöge und Sammler an möglichst alten, zuweilen kostbar illuminierten Handschriften oder an fremd anmutenden, orientalischen Kodizes und authentischen Lebenszeugnissen belegen.
 
Einen weiteren wichtigen bestandsprägenden und interkulturell höchst interessanten Fundus bilden auch die rund 11.130 Briefe der deutschen Amerika-Auswanderer, die auf Initiative von Prof. Dr. Wolfgang Helbich seit den 1980er Jahren gesammelt und an der Forschungsbibliothek Gotha unter der wissenschaftlichen Betreuung von Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl (Universität Trier) zugänglich gemacht werden.

Schnittstellen zwischen Gotha, Europa und dem Orient sowie den verschiedenen Schrift- und Wissenskulturen bestehen mit Blick auf die genannten Sammlungskerne z.B. auf der Ebene der Sammler und derjenigen, die wie Ulrich Japser Seetzen (1767–1811) die Interessen der bibliophilen Herzöge bedienten. Darüber hinaus zeugen aber auch Nachlässe, die wie bei dem Jenaer Theologen Johann Ernst Gerhard (1621–1668) und dem Begründer der Äthiopistik Hiob Ludolf (1624–1704) als Schenkung in die Gothaer Bibliothek gelangten, von den interkulturell ausgerichteten Forschungen der einstigen Besitzer.

Die reiche Sammlung an Briefen Deutsch-Amerikanischer Auswanderer lässt ihrerseits auf bemerkenswerte transkontinentale Bezüge sowie migrationsbedingte kulturelle Transformationen und personelle Netzwerke schließen, die noch gar nicht vollumfänglich erkannt sind.

Auf der materiellen Seite der verschiedenen Handschriftenkulturen sind Gemeinsamkeiten in der Buch- und Handschriftenherstellung wie im Layout und in den gestalterischen Ausdrucksformen evident, die aber längst noch nicht umfassend erforscht sind – weder allgemein, noch im Gothaer Bestand.  

Der Erkenntnisfortschritt bei der inhaltlichen Erschließung der in Gotha aufbewahrten Handschriften und historischen Materialien ist enorm – dies zeigen die zahlreichen Publikationen und Kataloge zu spezifischen Handschriftengruppen und Sammlungskernen, die in den letzten Jahren herausgegeben werden konnten. Die Basiserschließung ist weit vorangeschritten, erreicht aber noch nicht bei allen Sammlungskernen das Niveau einer DFG-orientierten Tiefenerschließung wie z.B. die Projekte zur Erschließung der Reformationshandschriften  und zur Katalogisierung der lateinischen mittelalterlichen Papierhandschriften  der Forschungsbibliothek Gotha belegen.

Die bisherigen Erfolge verlangen geradezu danach, einerseits die Erschließung weiter zu verfolgen, andererseits mit künftigen Forschungsprojekten und -kooperationen darauf aufzubauen und zur Erforschung übergeordneter Fragestellungen überzugehen.

Die Voraussetzungen für weitere Projekte über Inhalt, Form und Layout oder auch Fragen der Materialität verschiedener Handschriftenkulturen verbessern sich dank des gesteigerten Engagements der Bibliothek bei der Digitalisierung und den Digital Humanities stetig und laden zunehmend zur Verstärkung der Erschließung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den in Gotha, Europa und der Orient anklingenden Sammlungsschwerpunkten ein.