Forschung

Forschungsprojekte am Lehrstuhl

Pastoral, Theologie und Kirche in Zeiten der Pandemie. Ein europäischer Vergleich

Neues Forschungsprojekt über Theologie und Kirche in Zeiten der Pandemie

Die Corona-Pandemie treibt nicht nur Medizin und Wirtschaft, Bildung und Sozialwesen um, sondern ist auch ein Thema der Theologie. Das gilt ganz grundsätzlich: Eine solche Pandemie mit einem unermesslichen Leid und einer Vielzahl von Toten wirft zwangsläufig die Gottesfrage auf.

Dem kann sich die Theologie nicht entziehen, in der es zentral um die Frage nach Gott geht. Sie muss zugleich reflektieren, wie die Kirche(n) und ihre Einrichtungen in einer solchen Pandemie reagieren, im wahrsten Sinne des Wortes Seelsorge betreiben und dabei ihre Angebote und ihre Kommunikationsformen entsprechend modifizieren. Den damit verbundenen Transformationsprozessen wendet sich ein internationales Projekt zu, das die Professuren für Dogmatik (Prof. Dr. Julia Knop) und für Liturgiewissenschaft (Prof. Dr. Benedikt Kranemann) der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt in mehreren Workshops, beginnend am 11. Dezember 2020, digital durchführen: „Pastoral, Theologie und Kirche in Zeiten der Pandemie. Ein europäischer Vergleich.“

Eine zweite Runde wird im kommenden Jahr stattfinden. An Fragen mangelt es nicht, zumal verschiedene Ortskirchen in Europa im Blick und mit Diskurspartnern beteiligt sind: Wie reagiert die katholische Kirche in Europa auf die Pandemie? Wie sieht die Situation in einzelnen Ländern aus? Wie geht man in Pastoral, Liturgie, Theologie mit der Pandemie um? Wie reagieren die Kirchenleitungen? Welche landes- und kulturspezifischen Besonderheiten im Umgang mit der Pandemie lassen sich beobachten? Dafür haben die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler der Universität Erfurt Kolleginnen und Kollegen aus Belgien, Großbritannien, Kroatien, den Niederlanden, Österreich, Polen, der Schweiz, Slowenien und Tschechien eingeladen. Sie werden sich in Kurzvorträgen und Diskussionspanels äußern. Die Veranstalter hoffen auf ein möglichst differenziertes Bild, das kirchliche und kulturell-gesellschaftliche Besonderheiten widerspiegelt. Neben der Präsentation und Zusammenführung dieser verschiedenen europäischen Perspektiven und der Reflexion der entsprechenden Transformationsprozesse von Kirche und Gesellschaft sollen weitere Forschungsfelder erschlossen werden. Die Tagung soll in eine gemeinsame Publikation münden, die für das kommende Jahr vorbereitet wird.

(Ir-) Relevanz und (Im-)Plausibilität der Gottesfrage

Cover des Buchs Die Gottesfrage zwischen Umbruch und Abbruch von Julia Knop

Die Frage nach Gott lässt sich, ob explizit oder implizit gestellt, kaum mehr als anthropologische Konstante und damit allgemein akzeptable Basis zur Begründung theologischer Arbeit, ihrer Rationalität und Relevanz sowie ihres Standorts an staatlichen Universitäten ansetzen. Sie ist ihrem Gehalt und vor allem ihrer Relevanz nach längst zu einem möglichen Narrativ neben diversen anderen Lebens- und Deutungsoptionen geworden. Statt, wie vormals, den Rahmen des Feldes zu markieren, innerhalb dessen über Sinn und Unsinn der Welt und des Lebens gestritten werden kann, ist die „Hypothese Gott“ nurmehr eine Möglichkeit neben anderen, die eigene Sinnsuche und Sinnstiftung zu gestalten. Theologie bestellt demnach – anders, als viele gängigen Selbstvergewisserungsstrategien es suggerieren möchten – nur mehr eine von vielen möglichen Parzellen auf dem Feld menschlicher und gesellschaftlicher Verständigung. Aber sie umgreift nicht (mehr) den Horizont möglichen Wissens und Forschens. Diese Verschiebung der Gottesfrage vom Ganzen zum Teil, von einer gemeinsamen Rahmengröße zur Option, ist eine theologische Herausforderung ersten Ranges. Systematische Theologie, die sich dem Anspruch der Offenheit für die „Zeichen der Zeit“ verpflichtet weiß und nicht nur Symptome kurieren, sondern deren Ursache bedenken und bearbeiten will, muss sich dieser Herausforderung stellen: Wie kann angesichts der epochalen Verschiebung der Gottesthematik zu einem Teil- und Minderheitennarrativ Theologie betrieben werden? Welche Konsequenzen und Aufgaben ergeben sich für die universitäre Theologie angesichts des Phänomens, dass ihre Kernfrage, also die Frage nach Gott und seiner Bedeutung für den Menschen, fundamental anders oder gar nicht mehr gestellt wird?

Das Buch "Die Gottesfrage zwischen Umbruch und Abbruch - Theologie und Pastoral unter säkularen Bedingungen"

Theologie der Ehe – nach Amoris laetitia

Cover des Buchs Beziehungsweise - Theologie der Ehe, Partnerschaft und Familie von Julia Knop

Der synodale Prozess, den Papst Franziskus bald nach Beginn seiner Amtszeit zu Fragen von Ehe und Familie angestoßen hat, wurde in Kirche und Gesellschaft mit großem Interesse wahrgenommen. Allein das wahrzunehmen ist von immenser Bedeutung, hat die katholische Kirche in den letzten 50 Jahren nicht nur ihr Deutungsmonopol, sondern in weiten Teilen der Bevölkerung auch jeglichen Anspruch auf kompetente Deutung partnerschaftlichen Lebens verloren. Innerhalb der systematischen Theologie führt die Theologie der Ehe, abgesehen von akuten gesellschaftspolitischen Fragen, eine Randexistenz. In Form einer monographischen Aufarbeitung der katholischen Ehetheologie soll diese inzwischen jahrzehntelange Lücke geschlossen und zugleich die Impulse, die Franziskus mit Amoris laetitia setzte, zugunsten einer erneuerten Theologie der christlichen Ehe aufgegriffen und konstruktiv weitergeführt werden.

Das Buch "Beziehungsweise - Theologie der Ehe, Partnerschaft und Familie"

Aktuelle Promotionsprojekte

Dominique-Marcel Kosack: "Erlösung des Selbst. Hermeneutik und Kategorien einer spätmodernen Soteriologie"

Theologische Verstehensmodelle verändern sich mit dem Kontext, in dem Sie entwickelt werden. Das zeigt sich besonders deutlich an der Reflexion des christlichen Erlösungsglaubens (Soteriologie). Eine Theologie, die z.B. mit Vorstellungen einer hierarchischen Welt- und Gesellschaftsordnung arbeitet, bringt einen anderen soteriologischen Entwurf hervor als eine Theologie, die vom modernen Autonomie- und Subjektdenken bestimmt ist. Dieser geschichtliche Wandel der Kategorien ist notwendig, da sonst eine Ungleichzeitigkeit von soteriologischer Reflexion und deren Kontext entsteht.

Die katholische Theologie, insbesondere die Soteriologie ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch die modernen Schlüsselbegriffe ‚Autonomie‘ und ‚Subjekts‘ geprägt. Diese (epochal verspätete) Entwicklung wirkt dem Problem der Ungleichzeitigkeit entgegen, löst es aber möglicherweise nicht. Denn die Voraussetzungen für theologische Modelle haben sich bereits gegenüber der ‚klassischen‘ Moderne weiterentwickelt. Um überhaupt als freies Subjekt auftreten zu können, muss der einzelne Mensch zunächst bestimmen, wer er eigentlich ist – muss ständig beruflich, privat, virtuell usw. artikulieren und inszenierten, was ihn authentisch ausmacht.

Ziel des Dissertationsprojektes ist es, diese spätmoderne Verschiebung der Schlüsselkategorien für die Soteriologie nachzuvollziehen – von der ‚Autonomie‘ zur ‚Authentizität‘ und ‚personalen Identität‘. Bietet ein solcher, veränderter Zugang zum christlichen Erlösungsglauben die Möglichkeit, diesen unter spätmodernen Voraussetzungen nachvollziehbar zu explizieren und zu reflektieren?

Zur Übersicht aller Arbeiten der Mitglieder des Nachwuchskollegs

Lukas Hennecke: "Identität in Komplexität. Römisch-katholische Identitäsvergewisserung im Pontifikat von Franziskus"

Die gegenwärtige Welt scheint immer komplexer zu werden. Universalgelehrte, die alle Bereiche der Wirklichkeit überblicken, kann es kaum noch geben. Selbst die Unübersichtlichkeit der biographischen Möglichkeiten eines einzelnen Menschen steigert sich immer weiter. Diese Zunahme an Komplexität zeigt sich auch im religiösen Bereich, der als Folge starker gesellschaftlicher Veränderungsprozesse vielfältigen Transformationen unterliegt. Jede Person muss sich nun ihre eigene individuelle Weltanschauung aus einer großen Pluralität an Optionen auswählen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen können als Antwort auf diese Entwicklungen zunehmend Strategien der Reduktion von Komplexität beobachtet werden. Diese formieren sich in der Spätmoderne vorrangig als Identitätsbewegungen, die in politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Hinsicht vermeintlich einfache Lösungen anbieten. Die innerhalb eines solchen Kollektivs gültigen „Fakten“ werden dabei zumeist ohne begründete Verifizierungen festgelegt. Auf diese Weise gelingt es ihnen, durch Identitätsfixierungen Komplexität auszuklammern und die von ihren Mitgliedern wahrgenommene Welt zu vereinfachen.

Die zeitgenössische Theologie kommt innerhalb dieses Spannungsfeldes nicht um die Gretchenfrage herum: Wie hältst du’s mit der Spätmoderne? Es geht dabei um die Frage, ob im Pontifikat von Franziskus eher spätmodernefreundlich Komplexität zugelassen wird, oder ob als Reaktion auf die Komplexitätssteigerungen der Spätmoderne eher eine kirchliche Kollektividentität festgezurrt wird. Ziel der Dissertation ist es, die gegenwärtige römisch-katholische Positionierung im Spannungsfeld von Komplexitätssteigerung und Identitätsfixierung anhand von Nachsynodalen Schreiben Franziskus‘ zu analysieren und eine verantwortete alternative kirchliche Positionierungsoption in der Spätmoderne zu formulieren.

Abschlussarbeiten

Bachelorarbeiten

  • Michelle Dylong: „Gott hatte schon gelitten.“ (Esther M. Magnis)​ Christologische Zugänge zur Theodizeefrage in der Diskussion​ (SS 2017)​

Master-/Magisterarbeiten

  • Lukas Hennecke: "Einheit in Synodalität? Römisch-katholisch / orthodoxer Dialog zu Kirche und Kircheneinheit" (SoSe 2019) - 2019 ausgezeichnet mit dem Förderpreis der Katholisch-Theologischen Fakultät
  • Michelle Dylong: "Kirchliche Segnung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften? Dogmatische und liturgietheologische Perspektiven" (WS 2019/20) - 2020 ausgezeichnet mit dem Förderpreis der Katholisch-Theologischen Fakultät
  • Friederike Schüffny: "Kirche der Sünder – sündige Kirche? Kirchliche Vergebungsbitten in der Diskussion. Analysen und Perspektiven" (WS 2019/20)
  • Angelika Abel: "Versöhnung verstehen - Versöhnung feiern. Theologische Grundlagen und litugische Bewährungsfelder" (SoSe 2020)