| Willy Brandt School of Public Policy, Global Public Policy

Der vierte Erfurt Transatlantic Dialogue befasst sich mit der Reaktion der Welt auf die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China

Für Deutschland und die EU ist China sowohl ein wichtiger Handelspartner als auch ein unberechenbarer Akteur, der ernsthafte politische und sicherheitspolitische Bedrohungen mit sich bringt. Während des vierten Erfurt Transatlantic Dialogue am 21. April, organisiert von der Brandt School, dem Politischen Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem US-Generalkonsulat Leipzig, erörterten drei China-Experten gemeinsam mit dem Publikum in einer „Fishbowl“-Diskussion, wie Chinas wachsender globaler Einfluss und die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China das internationale System neu gestalten.

Wirtschaftliche Abhängigkeiten zwischen der EU, den USA und China

Die Moderatorin der Diskussion, Madeline Bohm, akademische Koordinatorin des Doktorandenprogramms „De-Globalisierung“ an der Brandt School, begann mit der Frage, inwieweit China, die USA und die EU wirtschaftlich voneinander abhängig sind und wie sich diese wirtschaftlichen Verflechtungen auf politische Interessen auswirken. Michael Laha, Senior Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, wies auf Chinas Führungsrolle bei der Digitalisierung und bei digitalen Technologien sowie auf Europas Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen hin. Vor diesem Hintergrund erläuterte er die „De-Risking“-Strategie der EU: einen Ansatz, der darauf abzielt, Schwachstellen zu minimieren, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen vollständig abzubrechen.

Thomas Yoshimura, China-Referent bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, hob hervor, dass Verbündete der USA wie Südkorea und Japan wirtschaftlich weiterhin von China abhängig sind. Er betonte, dass die Art und Weise, wie diese Nationen mit dieser Abhängigkeit umgehen, entscheidend für die Zukunft ihrer heimischen Volkswirtschaften sein wird.

Kommunistische Ideologie und die Taiwan-Frage

Die Experten waren sich einig, dass ideologische und nicht wirtschaftliche Motive Chinas Bestreben nach einer „Wiedervereinigung“ mit dem demokratischen Taiwan antreiben. George Yin, Senior Fellow am Mercator-Institut für Chinastudien, sagte, dass Taiwan für China wirtschaftlich nicht lebenswichtig sei, da chinesische Produkte bereits weltweit wettbewerbsfähig seien. Stattdessen argumentierte er, dass die Taiwan-Frage von den ideologischen Interessen der Kommunistischen Partei getrieben werde.

Yin erklärte, dass China zunehmend versuche, die internationale Ordnung neu zu gestalten, um der Ideologie der Kommunistischen Partei zu dienen. Er merkte an, dass Pekings Führung nicht immer konsequent sei; während China beispielsweise den Iran indirekt unterstütze, positioniere es sich gleichzeitig als Vermittler zwischen den Konfliktparteien.

Zunehmende Spannungen zwischen den USA und China und Auswirkungen im indopazifischen Raum

Yoshimura merkte an, dass die chinesische Propaganda die Darstellung verbreite, der Westen, insbesondere die USA, sei politisch schwach und unzuverlässig. China nutze dieses Misstrauen, um sich als zuverlässige, aufstrebende Weltmacht zu präsentieren. Folglich betrachten die USA China als ihren Hauptkonkurrenten, in Asien und darüber hinaus. Laha fügte hinzu, dass eine zunehmende „Kalter-Krieg-Mentalität“ spürbar sei, was Japan dazu veranlasst habe, seinen traditionellen Pazifismus neu zu interpretieren und die Selbstverteidigung seiner Verbündeten einzubeziehen – ein Schritt, der neue Spannungen mit China ausgelöst habe.

Yoshimura stellte fest, dass China versuche, konkurrierende internationale Systeme wie die Shanghai Cooperation Organisation und BRICS-Formate zu etablieren. Im Gegensatz zu Russland strebt China kein Chaos an, sondern vielmehr die gezielte Neuinterpretation bestehender Regeln (z. B. innerhalb der UNO), um internationale Normen mit den Ansichten der Kommunistischen Partei in Einklang zu bringen. Yin wies auf regionale Machtkämpfe hin, wie etwa territoriale Ansprüche im Südchinesischen Meer, die durch militärische Einrichtungen gestützt werden und Grenzkonflikte ausgelöst haben. Vor diesem Hintergrund betonte Yoshimura die Notwendigkeit der US-Präsenz im Indopazifik, um zu signalisieren, dass aggressive Expansion nicht toleriert wird.

Laha hob die Rolle von „Swing States“ wie Vietnam hervor, das chinesische Technologie für die innere Sicherheit nutzt, während es sich bei der äußeren Sicherheit auf die USA verlässt – ein Beispiel für den strategischen Balanceakt, zu dem Länder in der Region gezwungen sind.

Iran, Rivalität und Wissensdefizite

Ein Zuhörer fragte nach dem Krieg im Iran und dessen Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den USA und China. Yin beschrieb den Krieg als einen indirekten Konflikt zwischen den USA und China, da, wie Laha erklärte, der Iran stark von China abhängig ist, insbesondere bei Ölexporten, während China Waren in den Iran exportiert, die vom iranischen Militär und der Zivilbevölkerung genutzt werden. Yoshimura führte an, dass ein US-Angriff iranische Luftabwehrsysteme zerstörte, die in China hergestellt worden waren, und einige US-Kommentatoren verwiesen auf diesen Angriff als Beweis für die technologische Überlegenheit der USA.

Neben politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen wies ein Zuhörer auf ein erhebliches Wissensdefizit in Deutschland hin. Während China über 200 Experten beschäftigt, um Deutschland zu analysieren, ist die Zahl der China-Experten im Umfeld der deutschen Regierung sehr gering. Yin bestätigte, dass China akribisch beobachtet, wie ausländische Medien über das Land berichten.

Demografie und Sicherheit

Schließlich wandte sich die Diskussion der Frage zu, wie sich Chinas alternde Gesellschaft auf seine militärische Einsatzbereitschaft auswirken könnte. Yoshimura vermutete, dass die Kommunistische Partei an innenpolitischer Unterstützung verlieren könnte, wenn Familien gezwungen wären, ihre Kinder in den Krieg um Taiwan zu schicken, zumal die Erinnerungen an den chinesischen Bürgerkrieg noch präsent sind. Yin warnte jedoch, dass sich das militärische Gleichgewicht zugunsten Chinas verschiebt. Sollte sich eine „Gunstlage“ ergeben, könnte die chinesische Führung einen Angriff in Betracht ziehen, um ihr ideologisches Ziel der „Wiedervereinigung“ zu erreichen.

Strategische Aufgaben für den Westen

Der Dialog unterstrich, dass die Beziehung zu China ein komplexes Geflecht aus wirtschaftlicher Abhängigkeit, geopolitischer Rivalität und ideologischer Opposition ist. Demokratische Nationen, insbesondere die USA und die EU, müssen gemeinsame Strategien entwickeln, um diesen Herausforderungen zu begegnen, und dabei anerkennen, dass China nach wie vor ein zentraler globaler Akteur ist.

Sie befinden sich im News-Bereich der Willy Brandt School of Public Policy.

Weitere Meldungen, Pressemitteilungen sowie aktuelle Themen finden Sie auf den "Aktuelles"-Seiten der Universität Erfurt.