Neuerscheinungen
Wie tarierte sich das Verhältnis von Universität, Politik und Staat im Zeichen der Französischen Revolution neu aus? Dieser Frage geht der Band am Beispiel Halles nach. Zwischen Spätaufklärung, Geheimbund, Zensur und Repression treten bisher übersehene Akteure in den Blick: Freigeister, randständige Gelehrte und aufmüpfige Studenten, deren Biographien und Schriften die Universität als Laboratorium gesellschaftlicher und intellektueller Umbrüche sichtbar machen. Die Beiträge fragen nach Handlungsspielräumen und Grenzen akademischer Freiheit, nach den medialen Strategien religions- und herrschaftskritischen Denkens sowie nach den lokalen Konstellationen, in denen sich europäische Krisen- und Revolutionsdynamiken brechen. So entsteht ein Panorama der Hallenser Spätaufklärung, in dem sich Konflikte um Wissen, Autorität und öffentliche Meinung exemplarisch bündeln.
Der Band bietet neue Forschungsansätze zur Bedeutung Friedrich Melchior Grimms (1723–1807) für die Verbreitung der Pariser Aufklärung im deutschsprachigen Raum. Erstmals wird dabei systematisch die Rolle des Gothaer Hofes in den Blick genommen, der Grimm seine Existenz als «Kulturinfluencer» überhaupt erst ermöglichte und ihn auch nach seiner Flucht aus Paris 1792 weiterhin finanziell unterstützte.
Cet ouvrage ouvre de nouvelles pistes de recherche sur l’importance de Friedrich Melchior Grimm (1723–1807) dans la diffusion des Lumières parisiennes vers l’espace germanophone. Le rôle de la cour de Gotha y est examiné pour la première fois de manière systématique. C’est elle qui a en effet permis à Grimm de devenir un « influenceur culturel » et qui a continué à le soutenir financièrement après sa fuite de Paris en 1792.
Während der ersten vier Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts war das Territorium der reformierten Grafen von Sayn-Wittgenstein-Berleburg ein Zufluchtsort für radikal gesinnte Religionsmigranten mit unterschiedlichen sozialen, beruflichen und konfessionellen Hintergründen. Der tolerante Graf Casimir gewährte ihnen nicht nur Religionsfreiheit und Steuervergünstigungen, sondern ermöglichte ihnen auch den zensurfreien Druck ihrer Schriften. Allerdings ergaben sich zwischen den religiösen Individualisten vor Ort zwangsläufig Auseinandersetzungen; auch versuchten einige von ihnen, den Landesherrn in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Auf der Basis zahlreicher bisher unveröffentlichter Dokumente und Selbstzeugnisse spürt der Band den diversen religiösen Positionen, den intellektuellen und gewerblichen Aktivitäten sowie dem sozialen Miteinander und den Konflikten zwischen den Spiritualisten im Umkreis des Berleburger Hofes nach. Darüber hinaus bietet er eine kommentierte Edition der Aufzeichnungen J. Chr. Senckenbergs zu zwei Reisen nach Berleburg im Jahre 1732.
Gotha war in den Jahrzehnten um 1800 eine Residenzstadt mit großer Ausstrahlung, ein Zentrum der Spätaufklärung. Unter einem Fürsten, der die Wissenschaften förderte, erblühten Astronomie und Geologie, aber auch Philologie und Geschichte.
Vor dem Hintergrund zahlreicher Sammlungen, einer gewaltigen Bibliothek, eines gut funktionierenden Staatswesens und vorteilhafter Postverbindungen wirkten von hier aus Literaten und Gelehrte von Rang aufs ganze Reich: Rudolph Zacharias Becker vertrieb den größten Bestseller der Goethezeit, sein volksaufklärerisches Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute, sowie seinen national gelesenen Reichs-Anzeiger. Georg Anton Benda komponierte tonangebende Melodramen, Friedrich Wilhelm Gotter schrieb vielgespielte Theaterstücke, Heinrich August Ottokar Reichard verbreitete seine Almanache, der Verleger Carl Wilhelm Ettinger druckte die erste Voltaire-Gesamtausgabe und angesehene gelehrte Zeitungen, Conrad Ekhof schrieb mit seiner stehenden Bühne Theatergeschichte und der verbotene Illuminatenorden fand hier das Zentrum seiner Spätphase.
In der Aufmerksamkeit der Forschung stand Gotha bisher im Schatten Weimars. Dieser Band beleuchtet erstmals die Bedeutung der Stadt und fächert die Vielfalt ihrer intellektuellen Landschaft auf.
Gesandtenempfänge, Titulaturen, Rangfolgen, Ordensinvestituren – die zeremoniellen Akte an frühneuzeitlichen Höfen erwecken auf den ersten Blick den Eindruck, von starren Regeln und strengen Formalismen geprägt gewesen zu sein. Marian Hefter untersucht ausgehend von der archivalischen Überlieferung zum Gothaer Herzogshof die Bedeutung, die zeremoniellen Normen an reichsfürstlichen Höfen in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit zukam. Das Erfordernis und die Möglichkeiten, zeremonielle Ansprüche zu formulieren, werden hierzu aus einer wissenshistorischen Perspektive hinterfragt. Dabei wird deutlich, dass zeremonielle Kommunikation in der höfischen Praxis nur selten um systematische Eindeutigkeiten bemüht war, sondern vielmehr flexibel eingesetzt und oft bewusst offen gehalten wurde.
Mit “Naturrecht und Emotion” hat Martin Mulsow im Wallstein Verlag in der Reihe Historische Geisteswissenschaften eine Geschichte der Gefühle im 18. Jahrhundert veröffentlicht.
Was geschieht, wenn der Mensch seinen Gefühlen und Trieben uneingeschränkt ausgesetzt ist und die Stimme der Vernunft verstummt? Bereits um 1700 wurde die Macht der Gefühle debattiert: Können natürliches Recht und gesellschaftlicher Friede nur auf die Furcht vor Bestrafung und die Hoffnung auf Belohnung bauen? Oder gibt es alternative Wege, um als Mensch zu konstruktiven Lebensweisen zu finden? Der Ideenhistoriker Martin Mulsow verfolgt die Fragestellung über mehrere Disziplinen hinweg – Philosophie und Theologie ebenso wie Medizin, Embryologie und Strafrecht, Musik und Ökonomie, Philologie und Kirchengeschichte – um zu erkunden, was das beginnende 18. Jahrhundert von Emotionen wusste. Dabei scheinen vielseitige Bezüge zur Gegenwart auf.

