Tagungen & Workshops

Kommunikationsräume vernetzt: Der Gothaer Hof unter Herzog Friedrich III. und Herzogin Luise Dorothea – Privatbibliotheken, Sozietäten und Briefkorrespondenzen

Datum: 05.03.2026 - 06.03.2026
Ort: Forschungszentrum Gotha
Organisation:  Dr. Gabriele Ball (Universität Göttingen), Dr. Hendrikje Carius (Forschungsbibliothek Gotha) 

Der Hof Luise Dorotheas und Friedrichs III. von Sachsen-Gotha-Altenburg war in der Mitte des 18. Jahrhunderts geprägt von Aufbruch, Geselligkeit und produktiver Auseinandersetzung mit dem Europa der Aufklärung und seinen (medialen) Zentren in Berlin, Göttingen, Leipzig, Paris, London und Amsterdam. Der Gothaer Adels- und Gelehrtenkreis vernetzte sich via Briefkorrespondenzen respektive aktiven Sozietätsmitgliedschaften und partizipierte so über den expandierenden Buch- und Zeitschriftenmarkt an den literarisch-wissenschaftlichen Debatten der Zeit. Diese Kommunikationsprozesse beeinflussten die Sammlungspraxis der beteiligten Akteure insbesondere in ihren bibliophilen Bestrebungen maßgeblich. 

Vor dem Hintergrund praxeologischer Ansätze aus dem Bereich der Netzwerkforschung und Wissensgeschichte sowie unter Berücksichtigung von Methoden der Digital Humanities widmet sich der Workshop den Verflechtungen frühneuzeitlicher Institutionen und Medien am und um den Gothaer Hof. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Verflechtungsstrukturen adeliger und gelehrter Akteure und Akteurinnen in den Kommunikationsräumen „Büchersammlung“, „Sozietät“ und „Briefkorrespondenz“ sowie nach den diskursiven Formationen, die diese Räume konstituierten. Untersuchungsgegenstand sind dabei nicht nur die in der Forschungsbibliothek Gotha überlieferten Büchersammlungen der zentralen Protagonisten – Herzogin Luise Dorothea und Herzog Friedrich III. – sowie weiterer gelehrter und fürstlicher Privatbibliotheken, sondern auch Vereinigungen wie Freimaurerlogen oder der gemischtgeschlechtliche Ordre des Hermites de bonne humeur. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem den das Forschungsfeld rahmenden, literarisch aufschlussreichen Briefkorrespondenzen herausragender und mit dem Gothaer Hof verbundener Persönlichkeiten wie Juliane Franziska von Buchwald, Gottfried Christian Freiesleben, Friedrich Wilhelm Gotter, Laurent Angliviel de La Beaumelle oder Voltaire. 

Leitfragen des Workshops zielen auf die Rekonstruktion der Akteurskonstellation um das herzogliche Paar: Inwieweit lassen sich Kooperationspraktiken zwischen Friedrich und Luise Dorothea im Bereich der kulturell-wissenschaftlichen Aktivitäten am Hof nachweisen? Lässt sich die der Herzogin zugeschriebene zentrale Position in diesem Bereich verifizieren? Welche Implikationen hatte ihre Rolle für die bisher nur in Ansätzen untersuchten weiblichen Netzwerke des Gothaer Hofs? Wie gestaltete sich das Verhältnis von 'gelehrten' Männern und Frauen zum höfischen Machtzentrum? Ziel des Workshops ist es, die Kommunikations- und Wissensräume am Gothaer Hof in der Mitte des 18. Jahrhunderts weiter in ihrer praxeologische Dimensionen herauszuarbeiten.

Kontakt:

 Dr. Gabriele Ball

Dr. Hendrikje Carius

Tagungsprogramm

 

Das Nachleben der Aufklärung – Kontinuitäten und Netzwerke zwischen dem späten 18. und dem frühen 19. Jahrhundert

Männer sitzen in einem dunklen Raum mit einer zentralen Lampe an einem Tisch und lesen
Johann Peter Hasenclever: Das Lesekabinett, 1843, gemeinfrei.

Datum: 26.03.2026 - 27.03.2026
Ort: Forschungszentrum Gotha
Organisation:  Martin Mulsow, Forschungszentrum Gotha / Universität Erfurt; Isabel Heide, Universität Erfurt (Forschungszentrum Gotha)

Die Zeit zwischen 1770 und 1820 markiert eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher, politischer und intellektueller Umbrüche: Der Übergang vom ständisch geprägten Ancien Régime zur bürgerlichen Gesellschaft, vom absolutistischen Staat zum Frühliberalismus, aber auch von aufklärerischem Rationalismus zu romantischer Sinnsuche machte diese „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) zu einem Scharnier der Moderne. Gleichzeitig wird in der Forschung zunehmend deutlich, dass diese Umbruchzeit nicht nur von Brüchen, sondern ebenso von langen Kontinuitäten und vielschichtigen Übergängen geprägt war.

Gerade im Bereich der spätaufklärerischen Netzwerke, Institutionen und Ideen lässt sich ein Weiterwirken über die Zäsur der Französischen Revolution von 1789 hinaus erkennen. Biographische Entwicklungen zeigen, wie Akteure der Aufklärung auf neue politische Realitäten reagierten – sei es durch Rückzug, Neuorientierung oder durch die Weiterführung aufklärerischer Praxis in veränderter Form. Auch die Transformationsprozesse von Geheimbünden zu politischen Vereinen, von informellen Salons zu organisierten Gesellschaften oder von religiös-philosophischen Zirkeln zu redaktionellen und publizistischen Plattformen werfen neue Fragen auf.

Ziel der Tagung ist es, diese Übergänge aus interdisziplinärer Perspektive zu untersuchen. Wir interessieren uns für biographische Verläufe, institutionelle Umgestaltungen, ideelle Wandlungen und Netzwerkdynamiken, die das Nachleben der Aufklärung zwischen dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert bestimmten.

Eingeladen sind Beiträge, die neue Perspektiven auf die Aufklärung und ihre Fortwirkungen eröffnen, methodisch innovativ arbeiten oder bisher wenig beachtete Akteure, Räume und Formate in den Blick nehmen.

Kontakt:

Isabel Heide

Tagungsprogramm

26. März 2026

10–10.15 Uhr Einführung

I Wissenskulturen, Netzwerke und institutionelle Transformationen

10.15–11.00 Uhr Prof. Dr. Martin Mulsow (Gotha/Erfurt): Naturwissenschaftliche Netzwerke als Hintergrund der Radikalaufklärung? Christian Ernst Wünsch, die Illuminaten und das 19. Jahrhundert

11.00–11.45 Uhr Prof. Dr. Hiram Kümper (Mannheim): Von der Akademie zum Press-Verein: das Nachleben aufklärerischer Milieus in der Kurpfalz (1770–1830)

11.45–12.30 Uhr Dr. habil. András Forgó (Pécs): Blütezeit und Niedergang? Ungarische Piaristen vor und nach der französischen Revolution

12.30–14.00 Uhr Mittagspause

14.00–14.45 Uhr Karolina Belina, M. A. (Tübingen): Aus aufgeklärter Jugend – aufklärerische Staatsmänner? Beamte des Herzogtums Warschau

14.45–15.30 Uhr Robert Proske, M. A. (Jena): Gewaltbereite Geheimgesellschaften der deutschen Nationalbewegung im Kontinuum der Gegenaufklärung. 1780–1830

15.30–16.00 Uhr Kaffeepause

II Aufklärung, Religion und intellektueller Wandel

16.00–16.45 Uhr Dr. Markus Meumann (Gotha/Erfurt): Das personifizierte Nachleben der Aufklärung: Adam Weishaupts ‚zweites Leben‘ in Gotha, 1787–1830

16.45–17.30 Uhr Isabel Heide, M. A. (Halle): Von der Zürcher Aufklärung zur Wiener Zensur: Johann Michael Armbruster und sein Verhältnis zum Illuminatenorden

17.30–18.15 Uhr Prof. Dr. Wolfgang Burgdorf (München): Ein Geheimbund gegen Geheimbünde. Der Anti-Illuminaten-Orden des Johann Ludwig Klüber

 27. März 2026

9.00–9.45 Uhr Prof. Dr. Arne Klawitter (Tokio): Vom Freigeist zum gläubigen Christen. Der Gesinnungswandel des Diplomaten, Philosophen und Orientalisten Heinrich Friedrich Diez (1751–1817)

9.45–10.30 Uhr Dr. Diethard Sawicki (Halle): „Juden, Heiden, Türken können nicht Maurer sein“ – Christliche Freimaurerei und Erweckungsbewegung im frühen 19. Jahrhundert

10.30–11.00 Uhr Kaffeepause

III Öffentlichkeit, Geschlecht und Publizistik

11.00–11.45 Uhr Prof. Dr. Theo Jung (Halle): Die Debatte im Salon: André Morellet und die Politisierung der Geselligkeit im postrevolutionären Paris

11.45–12.30 Uhr Dr. Adelheid Müller (Berlin): Aufklärerisches Orientierungswissen in enzyklopädischer Form – Elisa von der Reckes ›Gedankenbuch‹

12.30–14.00 Uhr Mittagspause

14.00–14.45 Uhr PD Dr. Tobias Winnerling (Düsseldorf): Unbeirrtes Sich-Fortschreiben? Das Weiterleben der Gelehrtenlexika

14.45–15.30 Uhr PD Dr. Demian Berger (Zürich): Zur Rolle polemischer Verfahren in der literarischen Öffentlichkeit zwischen Aufklärung und Moderne um 1815