Profil des Forschungsfeldes

Die Untersuchung von Selbst- und Transzendenzbeziehungen, der Beziehungen von Gemeinschaft und Individuum und von ritueller Kommunikation und deren Bedeutung verbinden ebenso wie die Reflexion über gesellschaftlich-institutionelle Ordnungen, über Prozesse gesellschaftlichen Wandels, über Wert- und Sinnvorstellungen das Fragen nach "Religion", "Gesellschaft" und "Weltbeziehung". Dieses wechselseitige In-Beziehung-Setzen von individuellen Akteuren, sozialen Strukturen und grenzüberschreitenden Horizonten gibt der Forschung in diesem Schwerpunkt ihr Profil. In konkreten intra- wie interdisziplinär betriebenen Projekten – profilbildend ist hier der Verbund "Attraktion, Repulsion, Indifferenz – eine kulturvergleichende Analyse von Weltbeziehungen" widmen sich die Forscherinnen und Forscher des Feldes historischen wie heutigen Phänomenen in unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten. An den Projekten sind alle Fakultäten und das Max-Weber-Kolleg sowie die Willy Brandt School of Public Policy und verschiedene universitäre Nachwuchskollegs wie das Center for Political Practices and Orders und das Theologische Forschungskolleg beteiligt. Zwischen den Akteuren im jetzigen Schwerpunktfeld ist seit langem in Forschung und Lehre eine enge Kooperation gelebte Praxis, u. a. in gemeinsamen Tagungen und Workshops, Vorlesungsreihen und Publikationen, interdisziplinären Seminaren. Die Forschung zeichnet sich durch ein besonderes Interesse an einer Nutzbarmachung auch historischer Forschungsergebnisse für Fragestellungen von Religion, Kultur und Gesellschaft der Gegenwart aus, wobei immer wieder aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgegriffen werden und intensive Wissenschaftskommunikation betrieben wird.

Eine Übersicht über alle Projekte, die im Forschungsfeld verortet sind, finden Sie hier

 

Staatswissenschaftliche Fakultät

Trefforte und Gegen-Orte in Erfurt: Sozial-historische Forschung

Laufzeit

01/2019–12/2022

Finanzierung

BMBF: 195.000 Euro (Förderung Teilprojekt)

Projektbeschreibung

Wie in allen Bezirkshauptstädten der DDR gab es auch in Erfurt sogenannte „konspirative Wohnungen“ (KW). Über die in Erfurt mehr als 400 KW oder „Trefforte“ gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen: „Konspirative Wohnungen (…) sind ein bislang wenig erforschtes Thema“ (Heinrich 2006). Durch die systematische Verklammerung von Überwachungspraktiken und Alltag bilden die KW aber einen ganz außergewöhnlichen Zugang zur Alltags-, Herrschafts- und Erinnerungsgeschichte der DDR.
Neben der Recherche zu Mechanismen der Auswahl, Führung und Kontrolle der KW und der Analyse der Überwachungsprotokolle etc., geht es um die Frage, welchen Charakter die KW hatten: Waren sie Orte des Verrats oder Radarstationen in einem U-Boot, das nur sehen konnte, was gezeigt wurde? Spätestens dadurch wird die wissenschaftliche Arbeit mit der kollektiven Erinnerung konfrontiert, und zwar nicht nur direkter Akteure, sondern der Öffentlichkeit. Denn die Veralltäglichung und breite lokale Verortung des SED-Überwachungsstaates in den KW provoziert die Fragen nach der Wahrnehmung, Interpretation und Beurteilung der eigenen (historischen) Lebenswirklichkeit.
Da Erfurt die erste Stadt in der DDR war, in der die Zentrale des MfS von Bürger*innen besetzt wurde, wird die Untersuchung zu den KW mit einer Rekonstruktion der „Gegenorte“, an denen sich Dissident*innen (konspirativ) austauschen konnten, fortgesetzt und konfrontiert. Durch die (methodisch an dem Modell der citizen-science orientierten) Recherchen zu „Trefforten“ und „Gegen-Orten“ wird eine Topografie von Durchherrschung und Widerstand in einer Stadt gezeigt. Unweigerlich geht es so um kollektive Erinnerung und kritische Auseinandersetzung mit den Bildern der gelebten DDR vor Ort, also um „die (teil)gesellschaftliche Geltungswahrheit historischer Überlieferungen“ und um „die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Denkmuster, in denen die DDR-Vergangenheit in unserer Gegenwart aufscheint“ (Sabrow).  
Diese Forschung zu „Trefforten und Gegen-Orten in Erfurt“ könnte auch als Modell für andere Städte genutzt werden. Eine digitale Stadtkarte mit aufbereiteten Informationen könnte und sollte ein Ertrag der Forschungen sein.

Projektleitung Teilprojekt

Team

Marian Herzog, M.A.

Kooperationspartner

 

Weitere Informationen

Das Projekt ist Teil des Gesamtprojekts "Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren".

Link zum Großprojekt

Ansprechpartner

Hochschuldozent für Politische Theorie
Lehrgebäude 1 / Raum 143
Sprechzeiten
dienstags 14:30-16 Uhr und nach Vereinbarung in der vorlesungsfreien Zeit
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