Wo Literatur lebendig wird
Das Seminar "Literaturlabor I – Szenische Erkundungen", angeleitet von Aneta Bučková, präsentierte seine Ergebnisse.
Im Zentrum des Seminars stand eine andere Herangehensweise an Literatur, die man sonst aus dem Studium – und generell – nicht gewohnt ist. Statt still für sich zu lesen, Theorien anzuwenden und zwischen den Zeilen zu analysieren, wurde der Text hier lebendig. Was dabei herauskam, hat das Seminar am 19.01.26 präsentiert.
Die Seminarsitzungen drehten sich in erster Linie um das Atmen, die Körperhaltung und -wahrnehmung und die Performanz. So auch die öffentliche Präsentation. Sich aufgewärmt wurde mit Körperscans, tiefen Atemzügen, Übungen für einen entspannten Kiefer. Danach das Interaktive: drei verschiedene Gruppen, die mit den Gästen Prosa-, Poesie- und Dramentexte zu beleben versuchten. Die Prosa-Gruppe arbeitete mit den verschiedensten Intonationen eines Satzes und fragte dabei: Welche Bedeutung entsteht durch Betonung? Die Poesie-Gruppe spielte mit dem Rhythmus und klatschte zusätzlich verschiedene Takte. Die Drama-Gruppe probierte sich am Schauspiel und stellte die Frage: Wie gibt man seinen Bewegungen eine Stimme? Gäste konnten überall mitmachen. Danach die Präsentation der eigens erarbeiteten Performanzen.
Vorgestellt wurden beispielsweise Texte aus Wie in alten Zeiten: Das Buch der Apokryphen von Karel Čapek, Der Heilige Abend von Karel Jaromír Erben und ein Ausschnitt aus Der Esel und der Schatten von Jiří Voskovec und Jan Werich. Dabei wurden die Beiträge stets theatraler und lebendiger. Schon die Präsentation der Prosa wurde mit manchem Schauspiel unterlegt. Die Poesie wurde musikalisch durch einen flotten, variierenden Klatsch-Rhythmus inszeniert. Das Drama wurde in verschiedene Genres transportiert, beispielsweise die Sitcom oder die Telenovela.
Eine abschließende Reflexionsrunde zeigte, dass die Atemübungen und der neue Zugang zu Literatur und Performanz bei einigen Seminar-Teilnehmenden in andere Bereiche des Lebens abfärbten. Referate und Vorträge würden ruhiger und langsamer gehalten, man wäre weniger nervös. Eine generelle Lockerheit ziehe sich durch den Tag nach jeder Seminarsitzung. Auch von einem besseren Körpergefühl wird berichtet, denn wann beschäftige man sich sonst mal so intensiv mit seinem Atem?
Zum Schluss die Rückmeldung der Gäste: Der Zugang zum Text ist ein völlig anderer. Kreativer und aktiver. Ob jedes Literaturseminar hiervon profitieren könnte? Wesentlich länger dürfte aber dann die Erarbeitung der Texte dauern. Auch könnte es Schwierigkeiten geben, dass sich alle Teilnehmenden auf die aktiven Übungen einlassen. Aber vielleicht muss man da über den eigenen Schatten springen. Oder den des Esels. Denn Vorteile hat das allemal.
Text über die Seminarpräsentation von Daniel Schmidt-Müller

