Netzwerk Gehörlosengeschichte

Lange wurde die Geschichte von Taubheit und gehörlosen Menschen vor allem von Hörenden geschrieben. Gehörlosengeschichte unter Einbeziehung vielfältiger gehörloser Perspektiven ist ein noch relativ junges, interdisziplinäres Forschungsfeld. Das trifft besonders auf den deutschsprachigen Raum zu, wo die Gehörlosengeschichte noch kaum in der Wissenschaft verankert ist. Hier setzt das DFG-Netzwerk „'Deaf History' im deutschsprachigen Raum“ an, das von 2020 bis 2024 Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Disziplinen und Vertreter:innen der Gehörlosenverbände Möglichkeiten zum Austausch bietet. Ziel ist es, die Erforschung der Gehörlosengeschichte voranzutreiben und Forschungslücken zu schließen. Als Teil der Medizin-, Sozial- und Bildungsgeschichte, der Medien- und Sprachgeschichte wirft die Gehörlosengeschichte Fragen nach Ausgrenzung und Chancengleichheit auf, nach der Deutungshoheit der Wissenschaft gegenüber den Rechten und der Autonomie des Individuums und von Minderheiten und hinterfragt soziokulturell geprägte Definitionen von Behinderung und Normalität.

Das Netzwerk ist am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin Göttingen in Kooperation mit dem Historischen Seminar Erfurt angesiedelt.


Publikationen

Das Netzwerk ist am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin Göttingen in Kooperation mit dem Historischen Seminar Erfurt angesiedelt.

Marion Schmidt / Anja Werner (Hg.). Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie. Neue Impulse zur Gehörlosengeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bielefeld: transcript, 2019.

Ein weiterer Sammelband befindet sich in Vorbereitung. Er wird voraussichtlich im Herbst 2024 erscheinen.

Anja Werner / Marion Schmidt (Hg.). Unsichtbare Geschichte(n) sichtbar machen. Gehörlose und schwerhörige Menschen im deutschsprachigen Raum vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Frankfurt a./M.: Campus, ca. 2024. in Vorbereitung

Zusammenfassungen in DGS der Beiträge des Sammelbands "Unsichtbare Geschichte(n) sichtbar machen"
(In Zukunft werden auf dieser Seite DGS-Zusammenfassungen der Beiträge zu finden sein.)


Koordinatorinnen

PD Dr. Anja Werner

PD Dr. Anja Werner ist DFG-Forschungsgruppenleiterin am Forschungskolleg Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes Gotha sowie assoziierte Forscherin in Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Universität Erfurt. Ihr Interesse gilt der Inklusion von Gehörlosengeschichte in die Geschichtsschreibung als Beitrag zur Diversitätsgeschichte. Bereits ihre Dissertation über amerikanische Studierende an deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert enthielt ein Teilkapitel zu gehörlosen Amerikaner:innen (The Transatlantic World of Higher Education, Berghahn Books 2013). Gemeinsam mit Dr. Marion Schmidt gab sie den Sammelband Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie heraus (transcript 2019). Ihre Habilitationsschrift zu internationalen Einflüssen auf Expert*innendiskurse über Taubheit im geteilten Deutschland unter Einbeziehung der Sichtweisen tauber Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen ist derzeit in Vorbereitung zur Publikation. In ihrem laufenden Projekt erforscht sie das Engagement des gehörlosen Missionarsehepaars Berta und Andrew Fosters für Gehörlosenbildung in Afrika seit 1957.

Projektleiterin des DFG-Forschungsprojektes Schwarze und taube westliche Missionare und Gehörlosenbildung in Ghana und Nigeria: Leben und Werk von Berta und Andrew Foster – eine globalgeschichtliche Fallstudie
(Forschungskolleg Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes)

Dr. Marion Schmidt

Marion Schmidt, PhD koordiniert das Netzwerk Gehörlosengeschichte. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin Göttingen und forscht zur der Gehörlosengeschichte in den USA, in Deutschland und der Schweiz. Insbesondere interessiert sie, wann und warum Taubheit in Medizin und Wissenschaft als Defekt oder als Merkmal einer soziolinguistischen Minderheit gesehen wurde und welche strukturellen und soziokulturellen Faktoren dieser Wahrnehmung zugrunde liegen. Zusammen mit PD Dr. Anja Werner gab sie 2019 den ersten Sammelband Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie zur transnationalen Gehörlosengeschichte im deutschprachigen Raum heraus.  Zuletzt erschien von ihr Eradicating Deafness? Genetics, Pathology and Diversity in 20th Century America (Manchester University Press 2020).


Mitglieder

Urs Germann
Johannes Hennies
Jana Hosemann
Clara Kutsch
Bettina Lindmeier
 
Ines Potthast
Markus Spöhrer
Robert Stock
Sylvia Wolff
Mark Zaurov

Wissenschaftlicher Beirat

Prof. Brian Greenwald Gallaudet University
Prof. Dr. Annette Leonhardt Universität München
Prof. Dr. Gabriele Lingelbach Universität Kiel
Prof. Dr. Joe Murray Gallaudet University
Prof. Dr. Beate Ochsner Universität Konstanz
Prof. Dr. Anne Waldschmidt Universität Köln
Prof. Dr. Martina Winkler Universität Kiel

Kooperationspartner*innen

Helmut Vogel Präsident Deutscher Gehörlosenbund (DGB)
Helene Jarmer Präsidentin Österreichischer Gehörlosenbund (ÖGB)
Harry Witzthum Vertreter Schweizer Gehörlosenbund SGB-FSS
Diana Preller Leiterin Spezialbibliothek Gehörlosenwesen Leipzig
Ralf Kirchhoff Verein Kultur und Geschichte Gehörloser (KuGG ev.)