Universität Erfurt

Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik

Dr. des. Ringo Müller

Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im BMBF-Verbundprojekt "Diktaturerfahrung und Transformation"

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Ringo Müller

Zur Person

Forschungsschwerpunkte

  • Europäische Geschichte in der Ära der Schreibmaschine
  • Zivilisten in der Zeit des Ersten Weltkrieges
  • Archivgeschichte und -theorie
  • Wissensgeschichte des Sozialismus

Promotionsprojekt

Feindliche Ausländer

„Zum Umgang mit „feindlichen Ausländern“ im Deutschen Reich während des Ersten Weltkrieges“
„Enemy Aliens“ in Germany during the First World War

Gutachter: Prof. em. Dr. Gunther Mai (Universität Erfurt) und Prof. Dr. Werner Benecke (Frankfurt, Oder)

Tag der Verteidigung: 26. Oktober 2017

Projektskizze

Die Internierung feindlicher Ausländer/innen (engl. enemy aliens) stellte ein quantitativ und qualitativ neues Phänomen des Ersten Weltkrieges dar. In Europa waren davon etwa 400.000 Menschen betroffen. Bis zum Kriegsende verweilten über 110.000 Zivilpersonen in Lagern innerhalb des Deutschen Reiches, wovon am 10. Oktober 1918 nach mehreren Austauschverträgen und Ausweisungen noch 20.936 Menschen inhaftiert waren.

Zwei Forschungsrichtungen thematisierten bisher die Lage der „feindlichen Ausländer“ in Deutschland und die Umstände ihrer Internierung kursorisch. Zum einen ruhte der Fokus auf dem Zivilgefangenenlager Ruhleben, in dem in den Jahren 1914 bis 1918 ausschließlich Engländer interniert wurden. John Ketchum, ein ehemaliger Insasse, verfasste 1965 die erste maßgebliche Arbeit und offenbarte die archivalischen Ressourcen und das noch ungenutzte Forschungspotenzial, das zunächst Christoph Jahr im Rahmen eines Sammelbandes zur Geschichte der Kriegsgefangenschaft aufgriff und Matthew Stibbe schließlich in seiner Monographie „British civilian internees in Germany. The Ruhleben camp, 1914-1918“ erstmals umfassend ausschöpfte. Zum anderen geriet die Internierung von Zivilisten verstärkt im Rahmen der Erforschung der Ausländerbeschäftigung, die während des Krieges in unterschiedliche Formen der Zwangsarbeit mündete, in den Blick. Maßgebliche Beiträge zu diesem Forschungskomplex erbrachten Ulrich Herbert mit der „Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland“ und Jochen Oltmer in mehreren Aufsätzen und Gesamtdarstellungen.

Überwiegt beim Fokus auf die Ausländerbeschäftigung eine kriegswirtschaftliche Betrachtungsweise, so beschränkt sich die Aussagekraft der Forschungsliteratur über das Internierungslager in Ruhleben mehrheitlich auf die Innenansicht ihres eng begrenzten Gegenstandes, der aufgrund der wirtschaftlichen Situation der (englischen) Insassen, der geographischen Nähe zur Hauptstadt und des intensiven Interesses der internationalen Presse kaum Rückschlüsse über die Situation in anderen Regionen des Reiches zulässt. Zudem weben diese Darstellungen vornehmlich erstens am Narrativ einer kontinuierlich ausgebauten Internierungspraxis, die die Jahre nach 1933 vorwegnahm. Zweitens werden der Zwangscharakter der angeordneten Maßnahmen und die staatlichen Sicherheitsdiskurse überbetont. Dagegen vernachlässigen die vorhandenen Studien die vielfältigen Wahrnehmungen und Praktiken gegenüber Ausländer/innen und die dynamischen, situativen Entscheidungsprozesse lokaler, staatlicher und nichtstaatlicher, nationaler und internationaler Akteure.

An diesem Punkt setzt das empirische Forschungsprojekt an. Der in intensiven Archivrecherchen zusammengetragene Quellenkorpus ermöglicht einen verdichteten, gleichfalls ganz anderen Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit Ausländern/innen. Als Spione und Saboteure, Studenten und Touristen, Bemittelte und Unbemittelte, Ausgewiesene und Flüchtlinge, Deportierte und Evakuierte, Passinhaber und Staatsangehörige, Meldepflichtige und Internierte, Arbeiter/innen und Arbeitslose waren sie keine Notwendigkeit oder Selbstverständlichkeit des Krieges. Sie wurden in Geltung gesetzt und beständig bestätigt vor dem Hintergrund eines prekären Wissens über den Feind, den wahrgenommen wie zugeschriebenen Handlungen der Kriegsgegner, den Aktionen und Reaktionen der Ausländer/innen im Inland sowie von spezifischen Vorstellungen darüber, was im Krieg möglich und notwendig sei.

In diesen vielschichtigen und nicht immer eindeutigen Kontexten betreten Minister und Offiziere, Diplomaten und Botschafter, Bürgermeister und Polizeibeamte, Gutachter des Roten Kreuzes und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Privatpersonen und anonyme Denunzianten die Bühne der Betrachtungen. Diesen Akteuren soll Raum gegeben werden, ihre Sicht der Dinge zu schildern, ihre Hoffnungen, Möglichkeiten und Alternativen darzulegen. Denn, so Bruno Latour, „[d]ie Aufgabe besteht nicht länger darin, Ordnung zu schaffen, das Spektrum akzeptierbarer Entitäten zu beschränken, den Akteuren beizubringen, wer sie sind, oder in ihre blinde Praxis ein wenig Reflexivität hineinzubringen.“ Diesem Zugang verpflichtet, stellten „feindliche Ausländer und Ausländerinnen“ ein „Bündel von Möglichkeiten“ dar, innerhalb derer sie in Texten inszeniert und durch situatives Handeln wie Praktiken hervorgebracht wurden. In der entstehenden Arbeit werden diese Prozesse dargestellt und die dahinter liegenden Vorstellungen über Geschlechterverhältnisse, soziale Differenzen, Grenzen und Notwendigkeiten im Krieg ausgelotet.

Projekt- und Thesenpräsentationen

Oberseminar Neuere und Zeitgeschichte, Erfurt, WS 2011/12, SS 2012, SS 2013
Osteuropakolloquium, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), SS 2012
Colloquium zur Zeitgeschichte, FU Berlin, SS 2013
Forschungskolloquium zur Neueren Europäischen Geschichte, FU Berlin, WS 2013/14
Kolloquium für Globalgeschichte, Universität Erfurt, SS 2014

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