Forschung

Laufende Projekte

Dr. Cordula Bachmann (Habilitationsprojekt)

Wie lassen sich die griechischen Komödien für die Erforschung des Wandels im Verhältnis von Herren und Sklaven historisch nutzbar machen?

Werden in der modernen Forschungsliteratur die griechischen Komödien zitiert, so finden sich zu deren Quellenwert zwei entgegengesetzte Meinungen: Auf der einen Seite wird die Alltags- und Realitätsnähe dieser dramatischen Form betont und somit ihr Quellenwert sehr hoch angesiedelt. Auf der anderen Seite verweist man auf die Gattungszwänge dieser Werke, die im Falle der Alten Komödie drastische Übertreibungen hervorbringen, in der Neuen Komödie aber reinen Typenspott bieten würden. Die Entscheidung, wie der Quellenwert der Komödien zu beurteilen ist, scheint dabei eher von dem gewünschten Ergebnis hinsichtlich einer historischen Problemstellung abzuhängen als auf einer gründlichen Analyse der griechischen Komödien zu beruhen. Am Beispiel einer detaillierten Erforschung des Verhältnisses der Herren- und Sklavenfiguren in den griechischen Komödien soll versucht werden, für die Inanspruchnahme dieser Gattung als historische Quelle eine methodisch abgesicherte Grundlage zu schaffen.

Dabei ist zunächst festzustellen, dass sich Sklaven im Besonderen für die Komödie anbieten, sind sie doch häufig und zuweilen in nicht unmaßgeblichen Rollen in den Komödien zu finden und leisten oft entscheidende Beiträge zur humorvollen Darstellung verschiedenster Sachverhalte. Man wird dann untersuchen müssen, worüber genau bei ihren Auftritten gelacht wurde: Stellte das Publikum in Athen lebensweltliche Bezüge her – und wenn ja, lachte es über die pointierte Darstellung von Verhaltensweisen im Miteinander von Herr und Sklave, die diesem Publikum aus dem Alltag vertraut waren, die seinem Sklavenbild entsprachen oder gar seine Vorurteile bedienten? Oder wurde umgekehrt die Heiterkeit der Athener Bürger durch die Diskrepanz erregt, die sie zwischen ihren realen Erfahrungen und Usancen im Umgang mit ihren Sklaven und deren Handlungsmustern im Theater wahrzunehmen glaubten? Es ist damit zu rechnen, dass beide Fälle auftreten, und es ist Ziel dieses Projektes, ein Instrumentarium zu entwickeln, realistische Darstellung und komische Verzerrung zu unterscheiden und jeweils historisch gewinnbringend zu kontextualisieren.

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Otto Ritter (Dissertationsprojekt)

Dichter und Dichtung in der römischen Republik, 240–90 v.Chr.

In jüngerer Zeit hat sich die Alte Geschichte auch der Erforschung der Literatur der römischen Republik im 3. und 2. Jh. v.Chr. zugewandt. Große Aufmerksamkeit haben hier v.a. die Historiographie und verwandte Prosagattungen erfahren, kaum jedoch die Werke der Dichtung. Dies kann auf drei überkommene, doch noch immer wirksame Vorurteile zurückgeführt werden: dass sie zu trümmerhaft überliefert seien, als dass eine Beschäftigung lohnend erschiene; dass ihre Schöpfer ohnehin ‚nur‘ Nicht-Römer von minderer sozialer Stellung gewesen seien; dass diese Dichtwerke ohnehin ‚nur‘ Übersetzungen griechischer Vorbilder darstellen. Entsprechend wird der Dichtung auch nur in ihrer Totalität historischer Quellenwert zuerkannt, als Kronzeugin für den Hellenismus der Römer, der erst in der augusteischen Epoche seinen klassischen Abschluss fand. Das Projekt versucht, abseits dieser Vorurteile zu einer angemessenen Würdigung der älteren lateinischen Dichtung zu gelangen und ihre Texte als historische Quellen fruchtbar zu machen. Dies, so die Ausgangsthese, kann nur erreicht werden, indem die Dichtung dieser Epoche nicht nur als künstlerische, sondern auch als soziale Institution – als „das von der Gelegenheit und der Gesellschaft geforderte Wort“ (K. Büchner) – betrachtet und dezidiert in ihren historischen Kontext eingebettet wird.

In diesem Sinne wird der Gegenstand in drei Teilen untersucht: Der erste fragt nach dem Aufkommen literarischer Dichtung im ‚Epochenjahr‘ 240 v.Chr. und versucht, abseits des Hellenismus-Narrativs Bedingungen und Ursachen für die betreffenden Vorgänge innerhalb der römischen Gesellschaft namhaft zu machen. Der zweite Teil widmet sich der Frage, was eigentlich ein Dichter sei und welche soziale Rolle er für sich und sein Tun vindizierte bzw. ihm von der Gesellschaft beigemessen wurde. Der dritte Teil schließlich behandelt die erhaltenen Fragmente und fragt, in welchem Verhältnis die mit Mitteln der Sprache entworfenen Welten der Dichtwerke zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld stehen. Was verbindet etwa die poetische persona eines Ennius mit dem Habitus der nobiles seiner Zeit? Welche strukturellen Beziehungen bestehen zwischen den Satiren des Lucilius und der Politik des Tiberius Gracchus? Was sagen solche Beziehungen über den jeweiligen Zustand der römischen Gesellschaft aus und wie hat die Dichtung auf diesen eingewirkt? In einer Zeit, in der der politische und gesellschaftliche Diskurs zunehmend von exklusiven Wahrheitsansprüchen geprägt wird – sprachlich emphatisch vorgetragen in Form von sog. ‚alternativen Fakten‘ und ‚Hasskommentaren‘, deren imaginierte Gewalt gegen Andersdenkende immer häufiger in reale Gewalt umschlägt –, erscheint eine solche Untersuchung höchst aktuell.

Betreuung: Kai Brodersen / Gerrit Kloss (Heidelberg)

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Prof. a. D. Dr. Kai Brodersen

Über aktuelle Forschungsarbeiten informiert Prof. a. D. Dr. Kai Brodersen

Abgeschlossene Projekte

PD Dr. Johanna Leithoff (Habilitationsprojekt)

Mehr als Raum. Zur Vielgestaltigkeit von Meerengen in der Antike

Blickt man auf den Raum der griechisch-römischen Antike, so stechen die Engstellen des Meeres besonders markant heraus: Sie gewähren etwa Zugang zum Mittelmeer und Schwarzen Meer, trennen Inseln voneinander oder vom Festland und bieten sich damit als natürliche Grenze ebenso wie als Verbindung zwischen Land und Wasser an. Bedingt durch ihre Beschaffenheit eines vergleichsweise schmalen Durchlasses hält die Passage dieser Engstellen zudem häufig besondere Herausforderungen bereit, sei es durch Strömungen, Winde oder Felsen. Insofern ist es wenig erstaunlich, dass Menschen sich zu allen Zeiten mit diesen Wasserräumen auseinandergesetzt haben – in Wissenschaft und Mythos, als Seefahrer und Ingenieure, zu Kriegs- und zu Handelszwecken. Gleichzeitig bilden diese Engstellen des Meeres mit ihren charakteristischen geographischen und physikalischen Eigenheiten jeweils spezifische Räume unterschiedlicher kultureller Prägung, die einer Kategorisierung als übergeordnetem Phänomen der ‚Meerenge‘ entgegenstehen. In diesem Sinne sind ‚Meerengen‘ nicht naturgegeben: Implizit oder explizit – immer schwingt darin auch der dem Raum Struktur und Ordnung verleihende Blick der Betrachtenden mit.

Kern der Arbeit ist deshalb die Frage, welche Engstellen wann als ‚Meerenge‘ bezeichnet wurden, welche Bedingungen notwendig waren, um unterschiedliche Verengungen des Meeres als gemeinsame Gruppe anzuerkennen, und welche Charakteristika zwischen diesen unterschiedlichen Räumen ausgemacht wurden. Vor allem aber ist damit die Suche nach möglichen Beweggründen, nach der Aussageabsicht verknüpft. Am Anfang steht deshalb die Straße von Dover, um an diesem Fallbeispiel die gut dokumentierte, sukzessive Entdeckung und Erschließung einer Engstelle des Meeres zu analysieren und das Zusammenspiel von geographischem Raum, entsprechender Bezeichnung und Konzeption auszuloten. Darauf aufbauend analysiert die Arbeit in einem zweiten Schritt den Weg von der Beschreibung einzelner Engstellen des Meeres zur Kategorisierung als Meerengen. Drittens steht die Frage nach möglichen Definitionen für Meerengen und ihrer rhythmisierenden Bedeutung für das Mittelmeer und Schwarze Meer im Zentrum. Abschließend werden am Fallbeispiel der Straße von Messina mögliche Charakteristika von Meerengen diskutiert. 

Habilitation für Alte Geschichte an der Universität Erfurt am 07.05.2025.

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Luisa Mollweide (Dissertationsprojekt)

Rituale auf der Bühne: Sozio-religiöse Praktiken in den Komödien der römischen Republik

Betrug, Habgier, Gewalt und Zuhälterei zählen zu den gängigen Motiven römischer Komödien, die auf den ersten Blick der bloßen Unterhaltung dienen. Doch hinter der komischen Fassade verbergen sich zentrale Elemente: sozio-religiöse Praktiken. In den republikanischen Komödien von Titus Maccius Plautus (ca. 250–184 v. Chr.) und Publius Terentius Afer (ca. 195159/8 v. Chr.) werden griechische Vorlagen nicht nur travestiert, sondern gezielt mit römischen sozialen und religiösen Praktiken angereichert. 

Die Problematik einer Analyse von sozio-religiösen Praktiken auf der Bühne besteht darin, dass Komödien auch immer eine fiktive, inszenierte und überspitzte Welt konstruieren und dadurch eine Reflexion der lokalen oder auch regionalen rituellen Dynamiken, Traditionen, Bräuche und Vorstellungen der römischen Republik darstellen. Um die Komödien in ihrer Komplexität zu untersuchen, werden sowohl das Theater in seiner Gesamtheit – mit Musik, Bühnenbild, Schauspiel und Publikum – als auch ausgewählte republikanische Komödien analysiert, um ein tieferes Verständnis für ihre gesellschaftliche Bedeutung und ihre Rolle als Quelle für die republikanischen Gesellschaftsstrukturen zu gewinnen. 

Im Zentrum stehen zwei Leitfragen: Zum einen soll herausgearbeitet werden, welche Funktion der Inszenierung von sozio-religiösen Praktiken auf der Bühne zukommt, zum anderen, in welchen Sujets „Religion“ und „Humor“ zusammengebracht werden können und was dies für eine Aussage über die gesellschaftlichen Strukturen der Republik machen kann.  

Die interdisziplinäre Herangehensweise verbindet historische, religionswissenschaftliche und soziologische Perspektiven und zeigt, dass die römische Komödie weit mehr ist als Unterhaltung, sie ist ein performativer Raum sozialer Kommunikation, in dem religiöse Praktiken und gesellschaftliche Normen verhandelt, reflektiert und mit komischen Mitteln hinterfragt werden.

Betreuung: Kai Brodersen und Katharina Waldner (Erfurt). Abschluss des Promotionsverfahrens in Erfurt am 10.3.2025. Publikation in Vorbereitung. 

Kontakt: Luisa.Mollweide.01@uni-erfurt.de

Liminalisierung - Konfigurationen des Übergangs in antiken Gesellschaften

Das Projekt wurde 2018 für fünf Jahre an der Universität eingerichtet. Beteiligt waren Dr. Cordula Bachmann, Prof. Dr. Kai Brodersen, Dr. Johanna Leithoff, Lucas Rischkau, Otto Ritter und Prof. Dr. Katharina Waldner. Die Arbeit der Projektgruppe fand auf drei zentralen Forschungsfeldern statt, die für die Fragestellung wesentliche Bereiche abbildeten und so als Architektur des gesamten Vorhabens gelten konnten: den Bereich literarischer Reflexion (A), den Bereich sozialer Organisation (B) und den Bereich konkreter Raum- und Zeitpraktiken des Übergangs (C).

Im Mittelpunkt des Forschungsfelds A stand die Beschreibung gesellschaftlicher und politischer Übergangsphasen und deren literarischer Umformungen, d.h. intra- und extraliterarische Phänomene. Die bewusste Ausgestaltung solcher prozessualer, gerichteter Übergänge entspricht dem dynamischen Konzept der Liminalisierung. Im Forschungsfeld B wurde gefragt, wie körperliche Erfahrungen (z.B. in Ritualen, aber eben auch in Strafpraktiken) als „Grenzerfahrungen“ im sozialen Bereich erfasst werden können. Dabei ging es zum einen um Grenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, zum anderen aber auch um die Grenzen des einzelnen Subjekts. Dies wurde anhand von zwei Teilprojekten erforscht, die beide das Phänomen physischer, zwischenmenschlicher Gewalt fokussieren. In Teilprojekt C sollte „Liminalisierung“ in ihrer konkreten räumlichen und zeitlichen Dimension untersucht werden: līmen bezeichnet für die antiken Autoren die Schwelle zwischen außen und innen, zwischen oben und unten, aber auch zwischen Land und Land (etwa als Gebirge oder Meerenge) und Meer und Meer (so wird die Meerenge von Gibraltar als līmen bezeichnet) sowie - nur in eine Richtung überschreitbar - zwischen Leben und Tod.
 

Das Projekt hat im Oktober 2018  einen “Workshop” zum Thema veranstaltet, siehe  https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8107 .

Auf dieser Grundlage ist im Februar 2021 der von Cordula Bachmann, Johanna Leithoff und Katharina Waldner herausgegebene Band "Liminalisierung: Konfigurationen des Übergangs in antiken Kulturen" erschienen: (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 76, Stuttgart: Steiner 2021. 174 Seiten, kartoniert, 50.-- Euro.  ISBN 978-3-515-12933-6 , siehe https://www.steiner-verlag.de/titel/62145.html.

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