Herr Professor Günther, wie kam es zu der Idee, eine Konferenz speziell zum Thema KI-generierte Bilder und Religion zu veranstalten? Gab es einen konkreten Anlass?
Wir sehen hier eher einen allgemeinen Trend. Obgleich die Chancen und Risiken von KI-Systemen vorherrschend mit Blick auf Sprachmodelle diskutiert werden, scheint uns ein im wahrsten Sinne des Wortes kritischer Blick auf KI-generierte Bilder und Videos und deren Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Teilbereichen – hier Religionen – angebracht. „Sehen ist Glauben“ ist eine doppelsinnige These, die uns in einer von Bildern gesättigten Zeit in besonderer Weise zum Nachdenken anregt, denn sie weist auch auf die Zweifel hin, die digitale Bilder und ihre Bedeutungen mehr denn je begleiten.
„Gott, Mensch, Maschine" – der Titel spannt einen großen Bogen. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, worum es bei dieser Konferenz im Kern geht, für jemanden, der sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat?
Wir schließen mit unserem Titel an Aspekte an, die viele Debatten um KI-Systeme begleiten, nämlich einerseits Utopien um die zukünftige Selbsterhöhung des Menschen, der in gottgleicher Manier Maschinen nach seinem Vorbild „schöpft“, um sich von biologischen Limitierungen zu befreien; andererseits apokalyptische Szenarien einer Unterjochung der Menschheit durch intelligente Systeme. Religiöse Vorstellungen spielen also in vielen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Umgang mit KI-Systemen ganz offensichtlich eine Rolle. Auch in der Forschung zu Religionen spielen diese Aspekte eine zunehmend größere Rolle. Gleichzeitig fokussieren viele Studien auf Sprache und Text, z.B. bei (religiösen) Chatbots oder beim Einsatz von Robotern in religiösen Kontexten. Die Frage nach der Wechselwirkung zwischen menschlicher Vorstellungskraft, religiösem Wissen und KI-Systemen in Bezug auf Bilder und Videos ist indessen bisher weitgehend unbeachtet. Diese Aspekte wollen wir während unserer Konferenz mit Wissenschaftler*innen und Künstler*innen erkunden.
Warum ist gerade jetzt, im Jahr 2026, der richtige Zeitpunkt für eine solche Konferenz?
Für den Bereich der Religionen wird – nicht zuletzt durch die Enzyklika Papst Leos XVI „Magnifica Humanitas“ – deutlich, dass KI-Systeme eine zunehmend größere Rolle bei der Produktion und Vermittlung religiösen Wissens spielen und damit Einfluss auf religiöse Glaubenssätze, Werte, Normen, Praktiken und Gemeinschaften haben. Neben religiösen Chatbots, die Nutzer*innen erlauben, sich mit Buddha oder Jesus zu unterhalten oder Rechtsgutachten muslimischer Kleriker einzuholen, sehen wir eine Flut an Bildern und Videos, die mit KI-Systemen erstellt wurden und religiöse Geschichten vermitteln oder ‚richtige‘ Religionsausübung erklären. Für die Frage danach, wie Religion (audio)visuell präsentiert wird und welche Bedeutung KI-generierte, Bilder, Videos und Klänge für Gläubige, Religionsgemeinschaften und eine breitere Gesellschaft haben, ist 2026 genau der richtige Zeitpunkt.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie KI bereits heute religiöse Bilder oder Vorstellungswelten verändert oder neu prägt?
Ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung betrifft die Darstellung von Paradies und Hölle in Videos muslimischer Content-Creator*innen auf YouTube und TikTok. Hier zeigt sich, dass die verwendeten KI-Systeme mutmaßlich vor allem mit Bilddaten aus christlichen Ikonografien und Computerspielwelten trainiert wurden. Damit geht einerseits das Wissen um die Bildwelten klassischer islamischer Gelehrsamkeit verloren, woraus eine ‚Vereinheitlichung‘ religiöser Bildwelten folgen kann. Das Publikum dieser Bilder scheint andererseits daran kaum Anstoß zu nehmen und goutiert vielmehr die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von Endzeiterwartungen machen zu können.
Betrifft das Thema eigentlich alle Religionen gleichermaßen, oder gibt es Traditionen, in denen KI-Bilder eine besonders große oder besonders geringe Rolle spielen?
Über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede wollen wir in der Konferenz mit Kolleg*innen sprechen, die zu Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam und polytheistischen Bewegungen arbeiten. Wir laden alle Interessierten herzlich ein, an unseren Diskussionen teilzunehmen.
Sehen Sie eher Chancen oder Risiken darin, wenn KI religiöse Bildwelten mitgestaltet?
Diese Bewertung überlasse ich den Mitgliedern der jeweiligen Religionsgemeinschaften. Als Wissenschaftler interessiert mich deren Einschätzung selbstverständlich, denn sie ist Teil eines emergenten Phänomens und der Debatten um Produktion und Weitergabe religiöser Wissensbestände im 21. Jahrhundert. Mich treibt also erst einmal die Frage um „Was ist?“. Die an der Konferenz beteiligten Kolleg*innen werden dazu Einsichten aus ihren jeweiligen Forschungsfeldern bieten.
Wer nimmt an der Konferenz teil – ist das ein rein akademisches Publikum, oder sind auch Praktiker*innen, etwa aus religiösen Gemeinschaften oder der Kunstszene, dabei?
Zusammen mit namhaften Kolleg*innen aus unterschiedlichen geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen haben wir auch Menschen für eine Teilnahme gewinnen können, die als religiös Praktizierende und Künstler*innen selbst KI-Bildtechnologien nutzen, um ihre Vorstellungen von Religion auszudrücken. Für uns ist es zentral, in einen offenen Dialog miteinander einzutreten.
Ein Programmpunkt ist das Gespräch mit Schöpfer*innen religiöser digitaler Bilder. Was können die Teilnehmenden von diesem Format erwarten?
Ich möchte noch nicht zu viel verraten! Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, Menschen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen und Einsichten in akademischen Publikationen üblicherweise anonymisiert und über Zitate hörbar werden. Wir wollen also diejenigen auf die Bühne holen, die als Teilnehmende und Forschungspartner*innen auf akademischen Konferenzen primär vermittels eines akademischen Filters wahrnehmbar sind.
Geplant sind insgesamt sieben Panels. Was sind die wichtigsten Fragen, die dort verhandelt werden?
Auf dem Programm stehen zwei Keynote-Vorträge von Christiane Gruber (University of Michigan) und Gregory Price Grieve (UNC Greensboro) sowie sieben thematische Panel, in denen die Beziehung zwischen menschlicher Vorstellungskraft, religiösem Wissen und KI-Systemen beleuchtet wird. Wir werden diskutieren, wie durch KI erzeugte Bilder religiöse Praktiken, Rituale und Lebensweisen beeinflussen; kreative und kritische Auseinandersetzungen mit KI-Bildern und -Videos im religiösen Kontext analysierenund globale wie vergleichende Perspektiven zu KI-Bildern und Religion entwickeln.
Warum sollte sich auch jemand außerhalb der Wissenschaft für dieses Thema interessieren oder anders gefragt: Welche Erkenntnisse aus der Konferenz könnten für den Alltag oder die Meinungsbildung der breiten Öffentlichkeit relevant sein?
KI-Systeme sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und sind ein zunehmend globales Phänomen. Debatten um Deepfakes, die Wahrhaftigkeit von Nachrichten und das Vertrauen der Öffentlichkeit in mediale Berichterstattung speisen sich nicht zuletzt aus der Einsicht, dass die technischen Möglichkeiten der Erstellung und Manipulation digitaler Bilder in den vergangenen Jahren sprunghaft verbessert wurden. Wenn also die technisch herausragendsten digitalen Bilder gleichsam die ‚überzeugendsten‘ sind und Menschen zum Handeln anregen, stellt sich hier in ganz allgemeiner Art und Weise die Frage nach der Relativität von Wirklichkeit und damit auch ganz fundamental danach, auf welcher Basis wir als Gesellschaft zusammenleben wollen. Damit berührt das Thema der Konferenz auch grundsätzliche Fragen zum Umgang mit KI-Bildern – über den religiösen Kontext hinaus.
Was wünschen Sie sich: Welche Wirkung soll die Konferenz langfristig entfalten, auch über die drei Tage hinaus?
Ich wünsche uns, dass wir es gemeinsam schaffen, einen Beitrag zu den oben angerissenen Debatten zu leisten und damit zu einem besseren Verständnis eines sich entwickelnden Phänomens beizutragen. Darüber hinaus kann diese Konferenz der Auftakt für Forschungsanstrengungen sein, die die Universität Erfurt in diesem Bereich auch international ausweisen.
Sie befinden sich im News-Bereich des Seminars für Religionswissenschaft.
Weitere Meldungen, Pressemitteilungen sowie aktuelle Themen finden Sie auf den "Aktuelles"-Seiten der Universität Erfurt.