Visuelle Wortakzentmarkierung und Lesekompetenz: Die prosodische Unterdeterminiertheit der deutschen Schrift – Visuelle Anreicherung als mögliche Hilfestellung beim Lesen
Promotionsprojekt von Philip Kehl
Wo steckt die Prosodie in der deutschen Schriftsprache?
Der Begriff Prosodie beschreibt Eigenschaften einer Lautkette, die die einzelnen Laute überlagern. U. a. geht es hierbei um die Betonung von Silben. Die deutsche Schrift gibt keine direkten Hinweise darauf, wie ein Wort oder ein Satz richtig betont wird. Leselernenden und Menschen mit geringer Lesekompetenz fällt es bereits beim Lesen einzelner Wörter schwer, die richtige Silbe zu betonen (d. h. den Wortakzent korrekt zuzuweisen). Die einzelnen Laute (durch Buchstaben oft eindeutig kodiert) zu Silben zusammenzuziehen ist nur ein Schritt beim Lesen. Gelingt die korrekte Wortakzentzuweisung, kann ein Wort auch besser als lexikalische Einheit verarbeitet werden, was sich positiv auf Aussprache und Verstehen auswirkt.
Studien zum Einsatz von Wortakzent-Markierungen
In einer Studie mit Erwachsenen wurde die Wirksamkeit verschiedener Wortakzent-Markierungen beim Lesen dreisilbiger „deutscher“ Pseudowörter untersucht (Kehl et al. 2024, Poster SSSR Kopenhagen).
Unabhängig von der konkreten Markierungsart waren alle untersuchten Markierungen hochwirksam (≥ 88 % der Items wurden auf der markierten Silbe betont). Längere Reaktionszeiten gegenüber einer Kontrollbedingung ohne Markierung deuten jedoch auch auf einen zusätzlichen kognitiven Verarbeitungsaufwand hin.
Eine weitere Studie mit Erwachsenen untersuchte die Wirksamkeit einer Markierung (durch Unterstreichung) beim Lesen realer deutscher dreisilbiger Wörter (Kehl et al. 2025, Vortrag PAEPS Jena).
Wie beim Lesen der Pseudowörter zeigte sich auch hier ein zusätzlicher kognitiver Aufwand gegenüber der unmarkierten Kontrollbedingung. Zudem verursacht eine Markierung der wortakzent-tragenden Silbe einen höheren Aufwand als die Markierung einer anderen Silbe. Zu untersuchen wäre, ob nach einer Eingewöhnungsphase die Markierung der „richtigen“ Silbe nicht doch positiv wirkt.
Ausblick
Unsere Untersuchungen liefern erste Ergebnisse zur Verarbeitung prosodisch angereicherter Schrift bei kompetenten Lesenden des Deutschen. Zukünftig sollen Personengruppen untersucht werden, denen die korrekte Zuweisung des Wortakzents oft gar nicht oder nur mühevoll gelingt (Kinder am Anfang des Schriftspracherwerbs, Erwachsene mit niedriger Lesekompetenz sowie DaF/DaZ-Lernende).

