Differenz - Transformation - Zusammenhalt
DiTZu: Gesamtprojekt
Bei unserem partizipativen Forschungsprojekt geht es um eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit sozialen Dynamiken, Konfliktlinien und kollektiven Erinnerungspraktiken in der Stadt Erfurt während der späten DDR-Zeit und der Transformationszeit. In Zusammenarbeit mit städtischen Institutionen, zivilgesellschaftlichen Gruppen und Selbstorganisationen Betroffener menschenfeindlicher Gewalt möchten wir mit dialogischen und forschungsgeleiteten Veranstaltungsformaten den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Stadt fördern und neue Impulse für eine solidarische und inklusive Stadtgemeinschaft setzen.
Das Projekt DiTZu ist eine Kooperation zwischen der Universität Erfurt und der Stadt Erfurt. Am 5. November 2025 fasste der Erfurter Stadtrat den „Beschluss eines Kooperationsprojektes mit der Universität Erfurt zur Aufarbeitung menschenfeindlicher Gewalt in der DDR und Transformationszeit“ (Beschluss zur Drucksache Nr. 2421/25 der Sitzung des Stadtrates vom 05.11.2025) infolge einer Initiative der Projektbeteiligten der Professur für Neuere und Neueste Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Universität Erfurt (Prof. Dr. Christiane Kuller) und der Stadtratsfraktion Bündnis ´90/Die Grünen (Jasper Robeck). Im Mittelpunkt steht dabei die Aufarbeitung menschenfeindlicher Gewalt in der DDR und Transformationszeit. In vier Teilprojekten nähern wir uns dieser Aufgabe aus verschiedenen Richtungen und verbinden dabei wissenschaftliche Recherchemethoden mit unseren Erfahrungen aus der aktivistischen Vereinsarbeit bei Blinde Flecken e.V.
Projektleitung: Prof. Dr. Christiane Kuller
Projektfinanzierung Personalkosten: 80.000€, bereitgestellt durch die Kulturdirektion der Stadt Erfurt
Laufzeit: Januar – Dezember 2026
DiTZu: Teilprojekte
Teilprojekt 1: Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen zwischen Differenz, Ausgrenzung und Zusammenhalt in der späten DDR und Transformationszeit (Christian Hermann, B.A.)
Das erste Teilprojekt „Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen zwischen Differenz, Ausgrenzung und Zusammenhalt in der späten DDR und Transformationszeit“ ist zweiteilig angelegt. Erstens fragt es nach Selbst- und Fremdzuschreibung von jüdischer Identität in der spät- und postsozialistischen Gesellschaft. Es geht darum, wie sich der Diskurs darum, wer und was "jüdisch" ist, innerhalb und außerhalb der institutionalisierten Gemeinde verändert hat. Zweitens hinterfragt das Projekt die These, dass mit der „Friedlichen Revolution“ 1989/90 die Akzeptanz jüdischen Lebens in der Erfurter Stadtgesellschaft erreicht worden sei. Angesichts der Kontinuität antisemitischer Übergriffe und der Debatte um die Integration sogenannter „jüdischer Kontingentflüchtlinge“ muss diese kritisch hinterfragt werden.
Seit dem 17. September 2023 ist das „Jüdisch-Mittelalterliche Erbe in Erfurt“ Unesco Welterbe. Dieser Anerkennung sind langjährige Vorarbeiten seitens der städtischen Verwaltung vorausgegangen. Sie wurde in Erfurt, Thüringen und der Bundesrepublik medial breit rezipiert. Erkennbar ist hier ein Prozess der Konstruktion von Zusammenhalt in der Erfurter Stadtgesellschaft („Erfurt ist Weltkulturerbe“), der Friktionen, Brüche und Konflikte verwischt. Jüdisches Leben wird beispielsweise in der musealen Präsentation des „Jüdischen Hochzeitsschatzes“ als Teil der Erfurter Stadtgesellschaft und -geschichte präsentiert, wobei der Fundkontext in der Öffentlichkeit verwischt wird. Dass der Hochzeitsring gefunden werden konnte, liegt am Pogrom gegen die jüdisch Bevölkerung in Erfurt im 14. Jahrhundert, das zu einem Ende jüdischen Lebens bis in das 19. Jahrhundert in dieser Stadt führte.
Projektmitarbeiter: Christian Hermann, B.A.
Teilprojekt 2: Dimensionen sozialer Diskriminierung in der sozialistischen Leistungsgesellschaft und ihre Nachwirkungen in der Transformationszeit (Elena M.E. Kiesel, M.A.)
Das Projekt "Dimensionen sozialer Diskriminierung in der sozialistischen Leistungsgesellschaft und ihre Nachwirkungen in der Transformationszeit" fokussiert auf die sozioökonomischen Lebensbedingungen und Alltagserfahrungen von Menschen mit Behinderung und speziell Frauen mit Behinderung in den 1980er und 1990er Jahren. Im Rahmen einer gemeinsamen Kulturveranstaltung mit Selbstorganisationen betreffender Menschen sollen erste Gespräche über Erfahrungen und Erinnerungen stattfinden. Im weiteren Verlauf des Projektes sollen die bei der gemeinsamen Veranstaltung besprochenen Themenschwerpunkte in lebensgeschichtlichen Interviews aufgegriffen und vertieft werden. Daraus gewonnenes Erfahrungswissen um Umgang mit städtischen Behörden sowie Alltagserfahrungen mit Diskriminierung werde ich durch die Analyse von Verwaltungsakten aus dem Untersuchungszeitraum flankieren. Dabei geht es erstens darum, die historische Entwicklung von Verwaltungspraktiken, die Menschen mit Behinderung direkt betreffen, nachzuzeichnen. Zweitens geht es um den Nachvollzug des Diskurses um den Topos "Leistung", um historische Kontinuitäten bei der Demarkation der Differenzkategorie Ability analytisch greifbar zu machen.
Projektmitarbeiterin: Elena M.E. Kiesel, M.A.
Teilprojekt 3: Menschenfeindlichkeit als Problem des öffentlichen Raums aus der Perspektive städtischer Institutionen 1990–1995 (Steven Lange, B.A.)
Das Projekt befasst sich mit Wahrnehmung rechter Gewalt als Problem des öffentlichen Raums während der Transformationsphase 1989 bis 1995 durch städtische Institutionen und Behörden. Im Rahmen des Projektes sollen die Perspektiven verschiedener städtischer Institutionen auf die Welle rechter Gewalt während des Vereinigungsprozesses und der Jahre danach gesichtet und systematisch erfasst werden. Dabei sollen Ausbrüche rechter Gewalt nicht nur als Herausforderung für die Sicherheits- und Ordnungsbehörden beleuchtet werden, sondern danach gefragt werden, inwiefern die Stadtverwaltung der Stadt Erfurt die Gewalt nicht nur als Problem der öffentlichen Sicherheit, sondern auch als Problem des öffentlichen Raums insgesamt und beeinflussender Faktor der Stadtentwicklung verhandelte. Ausgangspunkt dieser Überlegung ist die Feststellung, dass im untersuchten Zeitraum in der Stadt Erfurt zwei Menschen durch rechte Täter:innen getötet wurden (Heinz Mädel 1990/ Irensuz Szyderski 1992) und es zudem zahlreiche belegte Übergriffe rechter Täter:innen auf Bewohner:innen der Stadt gab. Zeitgleich war Erfurt in der Zeit aber auch die Stadt mit den meisten touristischen Übernachtungen in Thüringen und bemühte sich um Investitionen in die wirtschaftliche Entwicklung, um vor allem den Tourismus zu stärken. Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen des Projektes erstmals der Blick der städtischen Institutionen auf diese Gemengelage untersucht werden.
Projektmitarbeiter: Steven Lange, B.A.
Teilprojekt 4: Blinde Flecken. Erinnerungen und Resonanz Rechter Gewalt in der Transformationszeit (Max Zarnojanczyk, M.A.)
Das Projekt analysiert Rechte Gewalt im Thüringen der frühen 1990er Jahre aus einer zeitgeschichtlichen Perspektive, die gängige, dekadenbasierte Periodisierungen hinterfragt. Statt Gewalt als bloße Abfolge einzelner Ereignisse zu betrachten, versteht es sie als sozial eingebettetes Phänomen, das durch Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Erinnerung geprägt ist. Auf Basis von Archivmaterial, Medienberichten und Interviews wird gezeigt, dass lokale Dynamiken und mikrohistorische Einschnitte – etwa Gewaltereignisse oder Veränderungen im öffentlichen Diskurs – zentrale Bedeutung für das Verständnis dieser Zeit haben.
Theoretisch stützt sich die Analyse wesentlich auf zwei Aspekte: Während die Idee des „Fremden“ verdeutlicht, wie rechte Gewalt situativ ein „Anderes“ konstruiert, ermöglicht der Figurationsansatz eine prozessuale Betrachtung der Beziehungen zwischen Täter:innen, Betroffenen, Öffentlichkeit und Staat. Ein zentrales Ergebnis ist das Konzept des „Blinden Flecks“, das beschreibt, wie Gewalt marginalisiert oder vergessen wird. Phasen scheinbarer Ruhe erscheinen so nicht als Abwesenheit, sondern als Zeiten latenter Fortdauer. Insgesamt zeigt der Beitrag, dass die frühen 1990er Jahre eine prägende Phase waren, in der sich langfristig wirksame Muster von Erinnerung und Verdrängung herausbildeten.
Projektmitarbeiter: Max Zarnojanczyk, M.A.

