Die Rezeption von Pseudo-Dionysius Areopagita bei wichtigen Denkern der orthodoxen Welt im 20. Jahrhundert (Vl. Lossky, Altvater Sofronij, Chr. Yannaras, J. Zizioulas)

Dionysius Areopagita - Russische Ikone, 17. Jh
Dionysius Areopagita - Russische Ikone, 17. Jh.

In diesem Projekt soll die vielfältige Rezeption des Dionysius Areopagita zugeschriebenen Schriftkorpus aus dem 6. Jahrhundert (Corpus Areopagiticum) durch vier wegweisende orthodoxe Theologen im 20. Jahrhundert untersucht werden: auf russischer Seite (jedoch in Westeuropa tätig), Vladimir Lossky und Altvater Sofronij (Sacharov); und auf griechischer Seite, Christos Yannaras und Metropolit John Zizioulas. Dionysius wurde sowohl im Osten als auch im Westen sehr geschätzt, z. B. von Maximus dem Bekenner, Johannes von Damaskus, Thomas von Aquin und Gregor Palamas. Seit der Renaissance jedoch, beginnend mit der Entdeckung seiner Pseudonymität, wurde das westliche Christentum kritischer gegenüber Dionysius, während auch einflussreiche orthodoxe Theologen (z.B. John Meyendorff) diese kritische Lesart übernahmen. Im Gegensatz dazu betrachtete Lossky Dionysius’ Schlüssellehre, nämlich den Apophatismus, als das grundlegende Unterscheidungsmerkmal der Orthodoxie zum lateinischen Westen. Auch Yannaras folgte Lossky und versuchte, Dionysius aus einer spezifischen Perspektive (e.g., hesychastische) zu betrachten, um seine westliche Fehldeutung aufzuzeigen. Andererseits ignoriert Zizioulas – aufgrund seiner Skepsis für Losskys Apophatismus – Dionysius in seinem theologischen Werk weitgehend. Schließlich hat Altvater Sofronij aus demselben Grund Dionysius keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt und äußerte sich kritisch gegenüber seinen Ansichten über einen abstrakten Aufstieg zu Gott.

Es geht also um eine unterschiedliche orthodoxe Dionysius-Rezeption im 20. Jahrhundert, die wesentliche Tendenzen innerhalb der orthodoxen Theologie und ihrer Entwicklung in der Moderne offenbart, welche nicht frei von ideologischen Prämissen (z.B. antiwestlichen) und subjektiven Interpretationen sind. Es handelt sich ohnehin um eine Zeit, in der die orthodoxe Theologie versuchte, ihre vermeintlich verlorene “authentische Identität” abseits verfälschender westlicher Einflüsse wiederzufinden – ein umstrittener Prozess mit gemischten Ergebnissen. Dieses Projekt versucht einerseits, die oben genannten Unterschiede in der orthodoxen Bewertung des Dionysius zu erklären und ihren jeweiligen Hintergrund zu berücksichtigen. Andererseits unternimmt es, diese orthodoxen Lesarten des Dionysius zu dekonstruieren, indem es, erstens, die Kontingenz ihres antiwestlichen Diskurses aufzeigt, weil sich in ihnen noch verschiedene westliche Einflüsse nachweisen lassen.  Zweitens soll die oftmals willkürliche und fragmentarische Verwendung der orthodoxen Vergangenheit und Tradition durch gegenwärtige Betrachtungsweisen dargestellt werden, die auf idiosynkratischen Kriterien und teilweise arbiträren Perspektiven beruhen. Letztlich wird die Analyse der orthodoxen Rezeption von Dionysius hoffentlich die Notwendigkeit einer fruchtbareren Begegnung und eines produktiveren Austausches zwischen Ost und West aufzeigen, nicht zuletzt, weil es sich um einen christlichen Schriftsteller handelt, der aus der Zeit der einen, ungeteilten Kirche stammt.

 

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Zeitraum 2022-2025.


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