Prosodische Struktur im Lesen von Wörtern

Postdoc-2025+-Projekt von Jana Hasenäcker

Prosodie – etwa Wortakzent, Betonungsstärke oder Rhythmus – ist ein zentrales Merkmal gesprochener Sprache, wird in der deutschen Schriftsprache jedoch nicht explizit markiert. Dennoch zeigen psycholinguistische Studien, dass Leser*innen beim stillen Lesen prosodische Informationen automatisch aktivieren und in die visuelle Verarbeitung geschriebener Wörter einbeziehen. Das Projekt untersucht, wie prosodische Struktur beim Lesen repräsentiert ist und wie sie die Verarbeitung einzelner Wörter und ihrer orthographischen Bestandteile beeinflusst.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, welche orthographischen Regularitäten (z. B. Buchstabenkombinationen, Längenmarkierungen oder Silbenstruktur) Hinweise auf prosodische Eigenschaften wie Wortakzent und Betonungsstärke liefern und wie diese Hinweise beim Lesen genutzt werden. Dabei soll sowohl die visuelle Worterkennung bei geübten Leser*innen als auch der Schriftspracherwerb bei Kindern betrachtet werden. Experimentelle Studien – unter anderem mit Eye-Tracking und behavioralen Methoden – werden durch Korpusanalysen ergänzt, um systematische Zusammenhänge zwischen Orthographie und Prosodie im Deutschen zu identifizieren.

Eigene bereits publizierte und laufende Arbeiten zeigen, dass prosodische Eigenschaften die visuelle Verarbeitung geschriebener Wörter auf sehr frühen Verarbeitungsebenen beeinflussen. In experimentellen Studien zur Buchstabenverarbeitung wird deutlich, dass Vokalbuchstaben in betonten Silben schneller und zuverlässiger erkannt werden als in unbetonten Silben. Neuere Arbeiten differenzieren diese Effekte weiter und zeigen einen graduellen Einfluss der phonologischen Realisierung von Vokalen, der eng mit prosodischer Prominenz verknüpft ist. Ergänzend untersuchen Eye-Tracking-Studien, inwiefern visuelle Hervorhebungen prosodischer Struktur das Leseverhalten in ganzen Sätzen beeinflussen.

Ziel des Projekts ist es, prosodische Aspekte systematisch in Modelle der visuellen Wortverarbeitung sowie des Lesens und Schreibens zu integrieren und damit zu einem differenzierteren Verständnis der kognitiven Prozesse beizutragen, die der Verarbeitung geschriebener Sprache zugrunde liegen.

Projektbezogene Publikationen (eigene Arbeiten):

Hasenäcker, J. & Domahs, F. (2023). Prosody affects visual perception in polysyllabic words: Evidence from a letter search task. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 77(3), 563-576. https://doi.org/10.1177/17470218231176691

Hasenäcker, J. & Domahs, F. (2024). Same same but different: The graded influence of vowel quality and prosodic prominence on letter detection. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 78(9), 1909-1920.https://doi.org/10.1177/17470218241293742

Hasenäcker, J. & Domahs, F. (in Begutachtung). Marking lexical stress in polysyllabic words: An eye-tracking study of visual emphasis in sentence reading