Universität Erfurt

Muslimische Kulturen in Südasien

Muslimische Kulturen in Südasien

Eine nicht zu unterschätzende Zahl muslimischer Migranten in Europa, vorrangig in Großbritannien, kommt aus den Ländern Südasiens, insbesondere aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Zudem lebt in dieser Region eine der weltweit größten Konzentrationen an muslimischer Bevölkerung.

Die Beschäftigung mit den muslimischen Kulturen in Südasien im Rahmen der Islamwissenschaft an der Universität Erfurt dient beispielhaft dazu, eine Brücke zwischen muslimischen Minderheitsgesellschaften in Europa und ihren Herkunftsgesellschaften zu schlagen.

Südasien umfasst ein sehr großes geographisches Gebiet, das nicht nur zahlreiche hinduistisch beinflusste Kulturen beherbergt. Daneben machen auch Muslime, wie erwähnt, eine erhebliche Bevölkerungsanzahl aus: ca. eine halbe Milliarde Menschen auf dem Indischen Subkontinent bekennen sich zum islamischen Glauben, darunter 174 Millionen pakistanische und 145 Millionen bangladeschische Muslime in zwei mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern, aber auch 161 Millionen indische Muslime, die damit die weltgrößte muslimische Minderheit bilden. Die Region umfasst nahezu ein Drittel der muslimischen Weltbevölkerung und hat einen jährlichen Zuwachs von über 2%. Sie war und ist ein Zentrum muslimischer theologischer, intellektueller und politischer sowie literarischer Aktivitäten und repräsentiert unglaublich vielfältige Kräfte.

Insbesondere seit dem 18. Jahrhundert gehen von dort wesentliche politische und intellektuelle Impulse aus, die das Denken in vielen anderen muslimischen Gesellschaften nachhaltig beeinflusst haben. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an den Gelehrtenkanon in den (Religions-)Schulen, an die weitreichenden Netzwerke muslimischer Mystiker und der diversen Missionsbewegungen, an Abu l-A'la al-Mawdudi, einen der Vordenker des modernen politischen Islams, oder die Kontroverse um den Schriftsteller Salman Rushdie, um nur einige wichtige Aspekte zu nennen. Ein weiterer Grund, sich mit Südasien zu beschäftigen, liegt darin, dass in der deutschsprachigen Islamwissenschaft, die sich traditionell auf die arabischen Länder konzentriert, ein großer Nachholbedarf in der Erforschung dieser Kulturen besteht. In dieser Hinsicht wird durch die Erfurter Islamwissenschaft Pionierarbeit geleistet.

Besonderes Gewicht bei der Beschäftigung mit muslimischen Kulturen in Südasien wird auf den Zeitraum zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert gelegt. Dieser ist geprägt durch die Auflösung der muslimischen Großreiche und die Entstehung neuer Territorialfürstentümer, die Entstehung neuer Gesellschaftsformationen und deren Ringen um Vertretungsansprüche. Es ist auch die Zeit des beginnenden Reformdenkens innerhalb muslimischer Bildungseliten. Die kulturellen Begegnungen mit den europäischen Kolonialmächten oszillieren zwischen Annahme und Ablehnung. Puritanische Bewegungen existieren neben synkretistischen.

Die Islamisierung Südasiens fand auch durch Angehörige mystischer Bruderschaften statt. Zu allen Zeiten und bis heute wohnt diesen sufischen Gemeinschaften, die sich oftmals an den Rändern des orthodoxen Religionsverständnisses befinden, ein bedeutendes kulturelles, soziales und politisches Reformpotential inne. Die Verbindungen dieser Gruppen reichen heute auch bis nach Europa hinein.

Ebenso ist die Rolle von Missionaren und deren Organisationen nicht zu unterschätzen. Als religiöse Akteure erscheinen sie in der Öffentlichkeit, um bisweilen als repräsentative Spieler ziviler Gesellschaft aufzutreten - sie sind tiefer in der Gesellschaft verwurzelt als die als anonym wahrgenommenen Staatsvertreter. So ist es nicht nur der Nationalstaat, der Religion definiert, sondern auch religiöse Kräfte nehmen wesentlichen Einfluss auf den Staat.

Die Rolle der Medien ist für das Verständnis des zeitgenössischen Islams von Bedeutung, denn ähnlich wie in Europa haben auch die Muslime in Südasien eine reiche Literatur hervorgebracht, sei es in der Poesie, im Roman oder in der Kurzgeschichte. Da diese Literatur gesellschaftsrelevante Aussagekraft hat, kann sie als Quelle für die Rekonstruktion der Sozialstruktur muslimischer Gesellschaften dienen. Aber auch neue Medien sind bedeutsam, wenn es etwa um virtuelle Islamdiskurse geht oder das Vertretungsmonopol des Staates herausgefordert wird.

Zweifellos, das schiere Ausmaß von Religion und deren Manifestation in Südasien sind sowohl verwirrend als auch faszinierend. Ob die diese Vielfalt begleitenden Spannungen, ausgelöst durch die Globalisierung und die homogenisierende Vitalität moderner Nationalstaaten, besänftigt werden können, ist fraglich. Letzten Endes sind diese in Islamdiskursen ausgetragenen Differenzen, ja Verschränkungen, systemische Bestandteile der religiösen Vielfalt muslimischer Kulturen in Südasien und können daher nur als verschiedene Facetten kulturell gelebter Religion in ihrem kontextuellen Reichtum verstanden werden.

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