Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Koordinierungsstelle "Koloniales Erbe Thüringen" (Philosophische Fakultät)

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C18 – Lehrgebäude 4 / Raum 1 07

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Elena Marie Elisabeth Kiesel

Elena M.E. Kiesel ist Historikerin an der Universität Erfurt im Bereich der neueren und Zeitgeschichte. 

Als Stipendiatin der Stiftung Bildung und Wissenschaft verfasste sie zuletzt ihre Dissertation über Freiwilligkeit als Strategie der Selbst- und Fremdführung in autoritären Systemen am Beispiel der DDR-Neuererbewegung. Dabei kooperierte sie eng mit der Oral-History-Forschungsstelle der Universität Erfurt und dem Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“. 

Im November 2020 kam sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit“, Teilprojekt „Freiwilligkeit in Diktaturen“, nach Erfurt. Darüber hinaus arbeitete sie von März bis Dezember 2024 in der Wissenschaftlichen Koordinationsstelle für das „koloniale Erbe“ Thüringens.

Bereits während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Europäischen Kulturgeschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg hatte sie wissenschaftliche Projekte unterstützt und Erfahrungen in der Provenienzforschung gesammelt. Nach ihrem Abschluss war sie an der Vorbereitung eines Provenienzforschungsprojekts des Landesverbandes Sachsen-Anhalt im Deutschen Bibliotheksverband e.V. beteiligt. Von 2018 bis 2020 recherchierte sie dank der freundlichen Förderung der Stiftung Kulturgutverluste nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Bänden in sachsen-anhaltischen Bibliotheken. Bisher hat sie hauptsächlich zu Ergebnissen der Provenienzforschung, Diakonie im Nationalsozialismus und Freiwilligkeit in Diktaturen publiziert. 

Sie engagiert sich zudem zivilgesellschaftlich im Verein „Blinde Flecken Erfurt“ zur Aufarbeitung rechter Gewalt, Stärkung von Betroffenenperspektiven und kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur.

Forschungsinteressen (research interests)

  • Alltagsgeschichte der DDR (everyday history in the GDR)
  • Protestantismus im Nationalsozialismus (protestantism under national socialism)
  • Provenienzforschung (provenance research)
  • Oral-History
  • Kolonialität und Kolonialismus (coloniality and colonialism)

Promotionsprojekt

Die Utopie der Freiwilligkeit. Leistung und Mitmachen in der Neuererbewegung der DDR

Im Mittelpunkt meiner Studie steht die Frage nach der Bedeutung von “Freiwilligkeit” als Strategie der Fremd- und Selbstführung im Herrschaftssystem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Das wesentliche Ziel des Projekts besteht darin, ein vereinfachtes Verständnis diktatorischer Herrschaftskonzeption, das sich vor allem auf Aspekte eines Zwangssystems bezieht, zu differenzieren und zu aktualisieren. Hierzu liegt der Arbeit ein Verständnis von Regieren als Fremd- und Selbstführung zugrunde, wobei die spezifischen Bedingungskonstellationen individueller Selbstführung durch den diktatorischen Staat und seine Institutionen in den Blick genommen werden. Mithilfe dieses Verständnisses von Herrschaft als Gouvernementalität (Michel Foucault) lässt sich die Mobilisierung von Freiwilligkeit als Herrschaftspraxis untersuchen, ohne den diktatorischen Charakter der DDR dabei in Frage zu stellen.

Gegenstand der Untersuchung ist die sogenannte Neuerer- und Rationalisatorenbewegung (kurz: Neuererbewegung oder Neuererwesen). Die politischen Massenbewegungen sollte denjenigen eine Plattform bieten, die sich freiwillig und eigeninitiativ für den Aufbau des “besseren” Deutschlands einbringen wollten. Durch das Einreichen von Verbesserungsvorschlägen in den Betrieben und die Mitarbeit an sogenannten Neuereraufgaben sollten die Menschen zum “wissenschaftlich-technischen Fortschritt” beitragen. Darüber hinaus zielte die “Bewegung” auf die Erziehung “sozialistischer Persönlichkeit” ab. Dabei inszenierten die DDR-Propagandist:innen das Neuererwesen als Partizipationsmöglichkeit innerhalb der “sozialistischen Demokratie”. Das Einreichen von Vorschlägen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft wurde in den späten 1940er und 1950er Jahren vor allem mit der Aussicht auf ein besseres und friedliches Leben nach der Katastrophe des Weltkrieges aktiviert. Mithilfe freiwilliger Leistungen und freiwilligen Mitmachens sollten die Verheißungen einer Gesellschaft in Frieden und Wohlstand Wirklichkeit werden: Es ging im Kern um die Realisierung der sozialistischen Utopie. Doch verebbte die Wirkung dieser Appelle offenbar im Verlauf des vierzigjährigen Bestehens der DDR. Seit den 1960er Jahren erhöhte sich der Druck auf die Betriebsbelegschaften zum freiwilligen Mitmachen. Zwar blieb das Einreichen von Neuerervorschlägen formal freiwillig, war jedoch zunehmend immer weniger individueller Eigeninitiative überlassen, wobei sich individuelle Motivationen und subjektive Handlungsspielräume verschoben. Nachdem die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) in den 1970er Jahren die “entwickelte sozialistische Gesellschaft” ausgerufen hatte, bestand ihr Ziel in der Vollendung der kommunistischen Umgestaltung: Sie wollte eine Gesellschaft kreieren, in der Fremdherrschaft obsolet werden würde, da sich die Menschen selbst führten. Im Zeichen der Planbarkeit des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts regulierte die SED Leistung und Mitmachen in der Neuererbewegung immer stärker – sie institutionalisierte Freiwilligkeit.

In meiner Studie untersuche ich erstens, mithilfe welcher Strategien der Staatsapparat die Menschen zum Erbringen von Sonderleistungen mobilisierte. Wie übersetzten die Funktionär:innen Freiwilligkeit als Normerwartung an jede:n Bürger:in in ihre Führungskonzeptionen? Zweitens geht es darum, wie freiwilliges Mitmachen und Leistungen nicht nur als Ressource für (produktive und kreative) Mehrarbeit, sondern auch für individuelle Selbstvergewisserung und gesellschaftliche Anerkennung dienen konnten. Was bedeutete es für die Neuerer selbst, freiwillig mitzumachen? Welche Bedeutung der Zuschreibung von Freiwilligkeit an Handlungen unabhängig von der zugrundeliegenden Intention und Motivation zukam, zielt dabei drittens auf ein Verständnis von Freiwilligkeit als Diskursstrategie ab: Welche Wirkung konnte beispielsweise mit der Auszeichnung freiwilliger Leistungen erzielt werden und welche Zuschreibungen wurden in diesen politischen Inszenierungen an Freiwilligkeit geknüpft? Zusammenfassend beschäftigt sich die Arbeit mit der Kernfrage: Welche Bedeutung kommt „Freiwilligkeit” in der DDR-Diktatur zu? Die Arbeit geht dabei mit einem Ausblick bis in die Transformationszeit über die historische Zäsur von 1989/1990 hinaus und verweist dabei auf Kontinuitäten und Brüche in der Bedeutung von Freiwilligkeit.

Zur Beantwortung der Forschungsfragen liegt der Arbeit ein Quellenkorpus aus Akten staatlicher Institutionen und Massenorganisationen sowie einem Betriebsarchiv, zeitgenössischen Forschungsberichten und Drucksachen, Fotografien und Plakaten sowie lebensgeschichtlichen Interviews zugrunde. 

Diese Dissertation ist aus dem Teilprojekt „Freiwilligkeit in Diktaturen” im Kontext der interdisziplinären DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit” entstanden.