Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Elena M.E. Kiesel ist Historikerin an der Universität Erfurt im Bereich der neueren und Zeitgeschichte. Seit Juli 2026 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Differenz – Transformation – Zusammenhalt“ (DiTZu) mit einem Teilprojekt zu Dimensionen sozialer Diskriminierung in der späten DDR und Transformationszeit.
Im November 2020 kam sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit“, Teilprojekt „Freiwilligkeit in Diktaturen“, nach Erfurt. Ihre Dissertation verfasste sie über Freiwilligkeit als Strategie der Selbst- und Fremdführung in autoritären Systemen am Beispiel der DDR-Neuererbewegung. Dabei kooperierte sie eng mit der Oral-History-Forschungsstelle der Universität Erfurt und dem Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“. Darüber hinaus arbeitete sie von März bis Dezember 2024 in der Wissenschaftlichen Koordinationsstelle für das „koloniale Erbe“ Thüringens.
Bereits während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Europäischen Kulturgeschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg hatte sie wissenschaftliche Projekte unterstützt und Erfahrungen in der Provenienzforschung gesammelt. Nach ihrem Abschluss war sie an der Vorbereitung eines Provenienzforschungsprojekts des Landesverbandes Sachsen-Anhalt im Deutschen Bibliotheksverband e.V. beteiligt. Von 2018 bis 2020 recherchierte sie dank der freundlichen Förderung der Stiftung Kulturgutverluste nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Bänden in sachsen-anhaltischen Bibliotheken. Bisher hat sie hauptsächlich zu Ergebnissen der Provenienzforschung, Diakonie im Nationalsozialismus und Freiwilligkeit in Diktaturen publiziert.
Sie engagiert sich zudem zivilgesellschaftlich im Verein „Blinde Flecken Erfurt“ zur Aufarbeitung rechter Gewalt, Stärkung von Betroffenenperspektiven und kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur.
Forschungsinteressen
- Alltagsgeschichte der DDR und Transformationszeit
- Protestantismus und konfessionelle Wohlfahrt im Nationalsozialismus
- Provenienzforschung
- Frauen- und Geschlechtergeschichte im 20. Jahrhundert
- Oral-History
- Kolonialität und Kolonialismus
Projekte
Promotionsprojekt: Die Utopie der Freiwilligkeit. Leistung und Mitmachen in der Neuererbewegung der DDR
Im Mittelpunkt meiner Studie steht die Frage nach der Bedeutung von „Freiwilligkeit“ als Strategie der Fremd- und Selbstführung im Herrschaftssystem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Das wesentliche Ziel des Projekts besteht darin, ein vereinfachtes Verständnis diktatorischer Herrschaftskonzeption, das sich vor allem auf Aspekte eines Zwangssystems bezieht, zu differenzieren und zu aktualisieren. eines dieses Verständnisses von Herrschaft als Gouvernementalität (Michel Foucault) lässt sich die Mobilisierung von Freiwilligkeit als Herrschaftspraxis untersuchen, ohne den diktatorischen Charakter der DDR dabei in Frage zu stellen.
Gegenstand der Untersuchung ist die sogenannte Neuerer- und Rationalisatorenbewegung (kurz: Neuererbewegung oder Neuererwesen). Die politischen Massenbewegungen sollte denjenigen eine Plattform bieten, die sich freiwillig und eigeninitiativ für den Aufbau des „besseren“ Deutschlands einbringen wollten. Durch das Einreichen von Verbesserungsvorschlägen in den Betrieben und die Mitarbeit an sogenannten Neuereraufgaben sollten die Menschen zum „wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ beitragen. Darüber hinaus zielte die „Bewegung“ auf die Erziehung „sozialistischer Persönlichkeit“ ab. Dabei inszenierten die DDR-Propagandist:innen das Neuererwesen als Partizipationsmöglichkeit innerhalb der „sozialistischen Demokratie“. Das Einreichen von Vorschlägen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft wurde in den späten 1940er und 1950er Jahren vor allem mit der Aussicht auf ein besseres und friedliches Leben nach der Katastrophe des Weltkrieges aktiviert. Mithilfe freiwilliger Leistungen und freiwilligen Mitmachens sollten die Verheißungen einer Gesellschaft in Frieden und Wohlstand Wirklichkeit werden: Es ging im Kern um die Realisierung der sozialistischen Utopie. Doch verebbte die Wirkung dieser Appelle offenbar im Verlauf des vierzigjährigen Bestehens der DDR. Seit den 1960er Jahren erhöhte sich der Druck auf die Betriebsbelegschaften zum freiwilligen Mitmachen. Zwar blieb das Einreichen von Neuerervorschlägen formal freiwillig, war jedoch zunehmend immer weniger individueller Eigeninitiative überlassen, wobei sich individuelle Motivationen und subjektive Handlungsspielräume verschoben. Nachdem die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) in den 1970er Jahren die „entwickelte sozialistische Gesellschaft“ ausgerufen hatte, bestand ihr Ziel in der Vollendung der kommunistischen Umgestaltung: Sie wollte eine Gesellschaft kreieren, in der Fremdherrschaft obsolet werden würde, da sich die Menschen selbst führten. Im Zeichen der Planbarkeit des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts regulierte die SED Leistung und Mitmachen in der Neuererbewegung immer stärker – sie institutionalisierte Freiwilligkeit.
Was bedeutet „Freiwilligkeit” also in der DDR-Diktatur zu? Bei der Beantwortung dieser Frage geht die Arbeit mit einem Ausblick bis in die Transformationszeit über die historische Zäsur von 1989/1990 hinaus und verweist auf Kontinuitäten und Brüche in der Bedeutung von Freiwilligkeit.
Diese Dissertation ist aus dem Teilprojekt „Freiwilligkeit in Diktaturen” im Kontext der interdisziplinären DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit” entstanden.
Dimensionen sozialer Diskriminierung in der sozialistischen Leistungsgesellschaft und ihre Nachwirkungen in der Transformationszeit
Das Projekt fokussiert auf die sozioökonomischen Lebensbedingungen und Alltagserfahrungen von Menschen mit Behinderung und speziell Frauen mit Behinderung in den 1980er und 1990er Jahren. Im Rahmen einer gemeinsamen Kulturveranstaltung mit Selbstorganisationen betreffender Menschen sollen erste Gespräche über Erfahrungen und Erinnerungen stattfinden. Im weiteren Verlauf des Projektes sollen die bei der gemeinsamen Veranstaltung besprochenen Themenschwerpunkte in lebensgeschichtlichen Interviews aufgegriffen und vertieft werden. Daraus gewonnenes Erfahrungswissen im Umgang mit städtischen Behörden sowie Alltagserfahrungen mit Diskriminierung werde ich durch die Analyse von Verwaltungsakten aus dem Untersuchungszeitraum flankieren. Dabei geht es erstens darum, die historische Entwicklung von Verwaltungspraktiken, die Menschen mit Behinderung direkt betreffen, nachzuzeichnen. Zweitens geht es um den Nachvollzug des Diskurses um den Topos "Leistung", um historische Kontinuitäten bei der Demarkation der Differenzkategorie Ability analytisch greifbar zu machen.
Das Projekt ist Teil der Gruppe „Differenz – Transformation – Zusammenhalt“.

