„Hygienische Langeweile“ – Joseph Roth über Quarantäne, Rassismus und den Westen

// Sergey Sistiaga – 10.06.2020

Joseph Roth (1914)
Student identity card photo of Joseph Roth (ca. 1914; gemeinfrei)

Dieses West Window beschränkt sich auf die Auswahl einiger textueller Fundstücke zum Thema Westen aus dem Kapitel „Ostjuden im Westen“ aus Joseph Roths 1927 im Berliner Verlag die Schmiede erschienenem Juden auf Wanderschaft. Der Autor wurde am 2. September 1894 in der Nähe von Brody in eine jüdische Familie in Ostgalizien geboren. In Lemberg und Wien studierte er deutsche Literatur und Philosophie. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig und verbrachte das Kriegsende in russischer Gefangenschaft. Später arbeitete er als Journalist in Wien und Berlin, bevor er 1933 nach Paris emigrierte. Dort starb er am 27. Mai 1939 an den Folgen seiner Alkoholsucht in einem Armenhospital. An seinem Grab harrten, wie Beatrix Novy schreibt, Juden, Katholiken, Kommunisten und Monarchisten, die ihn alle für einen der ihren achteten.[1] Er gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern. Sein Hauptwerk Radetzkymarsch erfreut sich bis heute anhaltender Popularität. Vor allem beschäftigte er sich mit dem Untergang der Habsburger Monarchie und ihren Menschen.

 

„Dem Ostjuden bedeutet der Westen Freiheit, die Möglichkeit zu arbeiten und seine Talente zu entfalten, Gerechtigkeit und autonome Herrschaft des Geistes. Ingenieure, Automobile, Bücher, Gedichte schickt Westeuropa nach dem Osten. Es schickt Propagandaseifen und Hygiene, Nützliches und Erhebendes, es mach eine lügnerische Toilette für den Osten. Dem Ostjuden ist Deutschland zum Beispiel immer noch das Land Goethes und Schillers, der deutschen Dichter, die jeder lernbegierige jüdische Jüngling besser kennt als unser hakenkreuzlerischer Gymnasiast.“

„Dagegen sieht der Ostjude nicht die Vorzüge seiner Heimat; nicht die grenzenlose Weite des Horizonts; nichts von der Qualität des Menschenmaterials, das Heilige und Mörder aus Torheit hergeben kann, Melodien von trauriger Größe und besessener Liebe. Er sieht nicht die Güte der slawischen Menschen, dessen Rohheit noch anständiger ist als die gezähmte Bestialität des Westeuropäers, der sich in Perversionen Luft macht und das Gesetz umschleicht, mit dem höflichen Hut in der furchtsamen Hand.“

Gaston La Touche, L'ennui (1893; gemeinfrei)
Gaston La Touche, L'ennui (1893; gemeinfrei)

„Ein Verdienst um den Westen erwirbt sich jeder, der mit frischer Kraft gekommen ist, die tödliche, hygienische Langeweile dieser Zivilisation zu unterbrechen – und sei es selbst um den Preis der Quarantäne, die wir den Emigranten vorschreiben, ohne zu fühlen, daß unser ganzes Leben eine Quarantäne ist und alle unsere Länder Baracken und Konzentrationslager, allerdings mit modernem Komfort. Die Emigranten assimilieren sich – leider! – nicht zu langsam, wie man ihnen vorwirft, sondern viel zu rasch an unsere traurigen Lebensbedingungen. Ja, sie werden sogar Diplomaten und Zeitungsschreiber, Bürgermeister und Würdenträger, Polizisten und Bankdirektoren und ebensolche Stützen der Gesellschaft, wie es die bodenständigen Glieder der Gesellschaft sind. Nur sehr wenige sind revolutionär. Viele sind Sozialisten aus persönlicher Notwendigkeit, in der Lebensform, die der Sozialismus erkämpfen will, ist die Unterdrückung einer Rasse unmöglich. Viele sehen im Antisemitismus eine Erscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsform. Sie sind nicht bewußt deshalb Sozialisten. Sie sind Sozialisten, weil sie Unterdrückte sind."

„Man leugnet im Westen auch den jüdischen Handwerker. Im Osten gibt es jüdische Klempner, Tischler, Schuster, Schneider, Kürschner, Faßbinder, Glaser und Dachdecker. Der Begriff von Ländern im Osten, in denen alle Juden Wunderrabbis sind oder Handel treiben, die christliche Bevölkerung aus Bauern besteht, die mit den Schweinen zusammenwohnen, und aus Herren, die unaufhörlich auf die Jagd gehen und trinken, diese kindischen Vorstellungen sind ebenso lächerlich wie der Traum des Ostjuden von einer westeuropäischen Humanität. Dichter und Denker sind unter den Menschen im Osten häufiger als Wunderrabbis und Händler. Im übrigen können Wunderrabbis sogar Händler im Hauptberuf Dichter und Denker sein, was westeuropäischen Generälen zum Beispiel sehr schwerzufallen scheint.“

„Ja, Zionismus und Nationalbegriff sind im Wesen westeuropäisch, wenn auch nicht im Ziel. Nur im Orient leben noch Menschen, die sich um ihre »Nationalität«, das heißt Zugehörigkeit zu einer »Nation« nach westeuropäischen Begriffen, nicht kümmern. Sie sprechen mehrere Sprachen und sind ein Produkt von Rassemischungen, und ihr Vaterland ist dort, wo man sie zwangsweise in eine militärische Formation einreiht.“

„Die jungen Chaluzim [zionistische Pioniere] sind tapfere Bauern und Arbeiter, und sie beweisen die Fähigkeit des Juden, zu arbeiten und Ackerbau zu treiben und ein Sohn der Erde zu werden, obwohl er jahrhundertelang ein Buchmensch war. Leider sind die Chaluzim auch gezwungen, zu kämpfen, Soldaten zu sein und das Land gegen die Araber zu verteidigen. Und damit ist das europäische Beispiel nach Palästina übertragen. Leider ist der junge Chaluz nicht nur ein Heimkehrer in das Land seiner Väter und ein Proletarier mit dem gerechten Sinn eines arbeitenden Menschen; sondern er ist auch ein »Kulturträger«. Er ist ebenso Jude wie Europäer. Er bringt den Arabern Elektrizität, Füllfedern, Ingenieure, Maschinengewehre, flache Philosophien und den ganzen Kram, den England liefert. Gewiß müßten sich die Araber über neue, schöne Straßen freuen. Aber der Instinkt des Naturmenschen empört sich mit Recht gegen den Einbruch einer angelsächsisch-amerikanischen Zivilisation, die den ehrlichen Namen der nationalen Wiedergeburt trägt. Der Jude hat ein Recht auf Palästina, nicht, weil er aus diesem Lande kommt, sondern, weil ihn kein anderes Land will. Daß der Araber um seine Freiheit fürchtet, ist aber ebenso verständlich, wie der Wille der Juden ehrlich ist, dem Araber ein treuer Nachbar zu sein. Und dennoch wir die Einwanderung der jungen Juden nach Palästina immer an eine Art jüdischen Kreuzzugs erinnern, weil sie leider auch schießen.“

„Denn es ist gewiß nicht der Sinn der Welt, aus »Nationen« zu bestehen und aus Väterländern, die, selbst wenn sie wirklich nur ihre kulturelle Eigenart bewahren wollten, noch immer nicht das Recht hätten, auch nur ein einziges Menschenleben zu opfern. Die Vaterländer und Nationen wollen aber in Wirklichkeit noch mehr, noch weniger: nämlich Opfer für materielle Interessen. Sie schaffen »Fronten«, um Hinterländer zu bewahren. Und in dem ganzen tausendjährigen Jammer, in dem die Juden leben, hatten sie nur den einen Trost: nämlich den, ein solches Vaterland nicht zu besitzen. Wenn es jemals eine gerechte Geschichte geben wird, so wird sie es den Juden hoch anrechnen, daß sie die Vernunft bewahren durften, weil sie kein »Vaterland« besaßen in einer Zeit, in der die ganze Welt sich dem patriotischen Wahnsinn hingab.“

„Die Enkel sind westlich geworden. Sie bedürfen der Orgel, um sich in Stimmung zu bringen, ihr Gott ist eine Art abstrakter Naturgewalt, ihr Gebet eine Formel. Und darauf sind sie stolz! Sie sind Leutnants der Reserve, und ihr Gott ist der Vorgesetzte des Hofkaplans und just jener Gott, von dessen Gnaden die Könige herrschten.

Das nennt man dann: westliche Kultur haben. Wer diese Kultur hat, darf bereits den Vetter verachten, der, noch echt und unberührt, aus dem Osten kommt und mehr Menschlichkeit und Göttlichkeit besitzt, als alle Prediger in den theologischen Seminaren Westeuropas finden können. Hoffentlich wird dieser Vetter genug Kraft haben, nicht der Assimilation zu verfallen.“

 

[1] Beatrix Novy, Der Schriftsteller Joseph Roth. Vom Untergang der alten Welt, DLF 02.09.2019.