Orthodoxes Christentum, Islam und der Westen: Eine spannungsvolle Beziehung

// Vasilios N. Makrides – 13.12.2019

Mosaik im Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel in Istanbul
Patriarch Gennadios II (ca. 1400–ca. 1473) und Sultan Mehmed II. der Eroberer (1432–1481) auf einem Mosaik im historischen Hauptgebäudes des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (Istanbul, Türkei)

Dieses Mosaik befindet sich im Eingang des historischen Hauptgebäudes des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (Istanbul, Türkei). Rechts wird Patriarch Gennadios II., geboren Georgios Scholarios (ca. 1400–ca. 1473), abgebildet, der erste orthodoxe Patriarch nach dem Fall Konstantinopels am 29. Mai 1453 an die Osmanen. Links steht Sultan Mehmed II. der Eroberer (1432–1481) mit einer Schriftrolle in der Hand, die er dem Patriarchen aushändigt. Auf dieser Schriftrolle ist folgende Inschrift in griechischer Sprache zu lesen: Ἔσο Πατριάρχης ἔχων πάντα τὰ προνόμια τῶν πρὸ ἐσοῦ (= Sei Patriarch und genieße alle Privilegien wie deine Vorgänger). Beim Mosaik handelt es sich um ein modernes Werk des griechischen Ikonenmalers und Künstlers Sotiris Varvoglis, das im Rahmen der Renovierung des Hauptgebäudes des Patriarchats gegen Ende der 1980er Jahre angefertigt wurde. Das Werk hat deutlich eine symbolische Bedeutung; es weist nämlich auf den Schutz hin, den das Patriarchat von Konstantinopel seitens der Osmanen und später in der modernen Türkei, trotz der vielen Probleme, Krisen und Konflikte, dauerhaft über Jahrhunderte genossen hat. Es geht also um eine sehr lange Tradition, die unbedingt weitergepflegt werden sollte – so der implizite Hinweis des Mosaiks. Interessanterweise wird dieselbe Geschichte auch anderweitig benutzt und instrumentalisiert, diesmal aus heutiger türkischer Sicht. Im am 31. Januar 2009 eröffneten Geschichtsmuseum „Panorama 1453“ in Istanbul (https://www.panoramikmuze.com/en), vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan initiiert, wird dasselbe Thema im Rahmen der religiösen Toleranzpolitik von Mehmed II. und der Multikulturalität des Osmanischen Reiches ebenfalls positiv und lobend präsentiert.

Gab es aber wirklich einen historischen Hintergrund für diese abgebildete Geschichte? Dabei geht um die berühmten „Privilegien“, die die Orthodoxen Christen, repräsentiert hauptsächlich durch das Patriarchat von Konstantinopel, unter osmanischer Herrschaft genossen. Das Patriarchat war nämlich die einzige Institution des Byzantinischen Reiches, die in der neuen politischen Situation überlebte, ja sogar im osmanischen Verwaltungssystem integriert war und funktionieren konnte. Trotz der vielen politischen Wirren konnte diese religiöse Institution im Osmanischen Reich und darüber hinaus in der modernen Türkei bis heute weiter existieren. Die Gewährung der o. g. „Privilegien“ ist in der relevanten Literatur ausführlich diskutiert worden. Verschiedene damit verbundene Mythen und Legenden wurden ebenfalls kritisiert und dekonstruiert. Jedoch handelte es um eine besondere Behandlung der Orthodoxen Kirche, die einer Erklärung bedarf. Sicherlich entsprach diese Entwicklung grundsätzlich dem islamischen Millet-System, nach dem die Untertanen des Osmanischen Reiches nach Religionszugehörigkeit geordnet waren. Der Patriarch von Konstantinopel galt als der Führer des millet-i Rûm (der Rhomäer, nämlich der Orthodoxen Christen unterschiedlicher ethnischer Provenienz) und als verantwortlich für deren Handeln. Dementsprechend genossen die Orthodoxen eine eingeschränkte „Religionsfreiheit“, solange sie Loyalität gegenüber der Hohen Pforte zeigten und Steuern bezahlten. Analoge Beispiele einer ähnlichen toleranten Behandlung von östlichen Christen seitens islamischer Eroberer (z. B. im Nahen Osten) gibt es auch aus früheren Jahrhunderten.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war aber ein weiteres Motiv für diese besondere Behandlung der Orthodoxen Kirche seitens der Osmanen verantwortlich. Als Mehmed II. Konstantinopel als Sieger betrat, gab es keinen Patriarchen auf dem Thron. Dass die Wahl auf Gennadios II. fiel, war keineswegs zufällig. Er war eine sehr gebildete Person und guter Kenner der westlichen Theologie und Philosophie. Zu Beginn war er für die Wiedervereinigung der Kirchen in Ost und West nach dem „Großen Schisma“ von 1453, doch er wurde später zum eifrigen Gegner der Union. Letztere hatte ohnehin eine politische Dimension. Es ging dabei um die gemeinsame christliche Verteidigung gegen den expandierenden Islam, von dem das Oströmische (Byzantinische) Reich zu jener Zeit unmittelbar bedroht war. Dieses Thema wurde sehr kontrovers zwischen Unionisten und Antiunionisten während der letzten zwei Jahrhunderte von Byzanz debattiert. Eine solche Kirchenunion zwischen Ost und West wurde zwar während des Konzils von Ferrara/Florenz (1438–1439) unterschrieben, an dem Georgios Scholarios, damals noch Laie, als Sekretär des byzantinischen Kaisers Johannes VIII. auch teilgenommen hatte. Jedoch blieb dieser Beschluss im Osten aufgrund starker antiwestlicher Strömungen und Reaktionen de facto unwirksam. Als Ausdruck extremer antiwestlicher Gefühle war ohnehin der Antiunionismus in Byzanz sehr verbreitet und tief verwurzelt.  In diesem Kontext wurde sogar des Öfteren behauptet, man hätte lieber Konstantinopel den Osmanen statt dem Papst und den Lateinern überlassen. „Ich würde lieber einen türkischen Turban inmitten der Stadt sehen, als eine lateinische Mitra“ – so ein berühmt-berüchtigter Spruch, der Loukas Notaras, einem hohen byzantinischen Funktionär jener Zeit, zugesprochen wird. In Wahrheit war jedoch Notaras eher pragmatisch orientiert und suchte nach möglichen Kompromissen zwischen Ost und West und den zwei gegnerischen Parteien im ausgehenden Byzanz. Mit anderen Worten: Unter Umständen war er auch für die Union der Kirchen. Außerdem pflegte er enge private wirtschaftliche Beziehungen zu Venedig. Gerade seine prowestlichen Neigungen wurden ihm in aller Wahrscheinlichkeit zum Verhängnis, weil er, trotz anfänglicher Begnadigung seitens des Sultans, schließlich kurz nach der Eroberung Konstantinopels hingerichtet wurde.

Diese tiefen Risse und inneren Spannungen im späten Byzanz waren den Osmanen ohne Zweifel bekannt, genauso wie das Potenzial eines neuen christlichen Kreuzzugs des Westens gegen ihre progressive Expansion auf europäischem Boden. Ohnehin lag die Zeit der ersten Kreuzzüge nicht in ferner Vergangenheit und die Erinnerung daran blieb im muslimischen kollektiven Gedächtnis stark erhalten. Mehmed II. war daher ein großer Stratege und schlau genug, um sich des traditionellen orthodoxen Antiokzidentalismus für seine Zwecke angemessen zu bedienen. Die Wahl und die Unterstützung von Gennadios II. war daher kein Zufall, sondern eine gezielte Strategie, um die antiwestlichen Gefühle der orthodoxen Untertanen zu stärken und einer wie auch immer gearteten Annäherung der Christen in Ost und West vorzubeugen. Es gab auch weitere Anzeichen dieser orthodox-islamischen Begegnung zu jener Zeit, insbesondere im Rahmen diverser Dialogversuche zwischen Gennadios II. und islamischen Gelehrten auf Initiative des Sultans. Mehmed II. ließ sich von Gennadios II. in die Geschichte und Glaubenslehre des Orthodoxen Christentums einführen und leitete sogar eine türkische Übersetzung des orthodoxen Glaubensbekenntnisses ein. Interessanterweise distanzierte sich auch Gennadios II. in seiner Erläuterung des orthodoxen Glaubens von der früheren byzantinischen Literatur gegen den Islam und bemühte sich um eine besonnene und pragmatische Haltung gegenüber dieser Religion.

Eine solche interreligiöse „Allianz“ oder „Interessengemeinschaft“ ist religionshistorisch keine Seltenheit und lässt sich des Öfteren beobachten, selbst entlang angeblich inkompatibler religiöser Traditionen. Das Thema einer solchen orthodox-islamischen Annäherung, bisweilen auch gegen den lateinischen Westen, sollte daher keine Verwunderung verursachen. Es handelt sich um ein dauerhaftes Phänomen, das historisch eine Fülle von unterschiedlichen Erscheinungsformen und Ausprägungen aufweist und zwar über mehrere Jahrhunderte, ja sogar bis in unsere Tage. All dies reicht von griechisch-orthodoxen Legitimationen des Osmanischen Reiches und dessen Herrschaft über den Südosten Europas als Reaktion gegen die Aufklärung und die Französische Revolution bis an den gegenwärtigen russisch-orthodoxen Dialog mit iranischen Schiiten über gemeinsame Werte und zwar mit offener oder impliziter Kritik am angeblich dekadenten Wertesystem des modernen Westens (z. B. gegen das moderne Menschenrechtskonzept). In diesem Rahmen lassen sich ähnlich gelagerte, orthodox-christliche sowie islamische Konstruktionen des Westens („Okzidentalismen“) auf mehreren Ebenen beobachten, die in vergleichender Perspektive analysiert werden können. Es geht hierbei um ein bisher wenig untersuchtes Forschungsfeld, das von einer besonderen historischen wie gegenwärtigen „Nähe“ zwischen Orthodoxen Christentum und Islam zeugt.