24. Mai 2022, 14:15 Uhr - 15:45 Uhr | Max-Weber-Kolleg

Gastvortrag Mauro Basaure “Rechtfertigung politischer Gewalt"

Veranstaltungsort
Steinplatz 2 (Forschungsgebäude 2)
Veranstalter
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Veranstaltungsart
Vortrag
Publikum
öffentlich

Theoretische Lehren aus den chilenischen sozialen Aufständen vom Oktober 2019

Die Massivität der und das Ausmaß der Gewalt bei den Protesten im Oktober 2019 führten zu einer Destabilisierung der sozio-politischen Ordnung, die in Chile seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1990 etabliert war.

Vor dem Hintergrund dieser radikalen Destabilisierung und als alternative institutionelle Lösung des Konflikts wurde einen Monat später, im November 2019, unter maßgeblicher Beteiligung des heutigen Präsidenten Gabriel Boric ein "Abkommen für den Frieden" geschlossen, dessen grundlegendes Ergebnis die Forderung nach einer Volksabstimmung für eine neue Verfassung, die die derzeitige Verfassung, deren Ursprünge auf die Militärdiktatur zurückgehen, ersetzen soll. Die neue Verfassung, für deren Ausarbeitung in diesem Plebiszit mit großer Mehrheit gestimmt wurde, wird nun geschlechterparitätisch und unter Beteiligung der Ureinwohner verfasst, was vor dem sozialen Aufruhr völlig undenkbar war.

Diese Ereignisse haben eine grundlegende theoretische und empirische Frage auf den Tisch gebracht, nämlich diejenige nach der Rechtfertigung politischer Gewalt. Der (seit Ende der 1980er Jahre entstandene) breite Konsens, dass Gewalt in der Politik unter keinen Umständen zu rechtfertigen oder wünschenswert ist, wurde durch ein historisches Ereignis wie den chilenischen Oktober in Frage gestellt, in dem politische Gewalt die Rolle der "Hebamme der Geschichte" übernommen hat, wie man mit Marx sagen könnte.

In diesem Zusammenhang versucht die vorgeschlagene Studie, das Thema der politischen Gewalt zu betrachten, indem sie mehrere Fragen behandelt: Welche Diskurse gibt es zur Rechtfertigung und Kritik politischer Gewalt durch gesellschaftliche Akteure? Welche Rolle spielt das klassische instrumentalistische Modell der Rechtfertigung politischer Gewalt in einem Kontext wie dem beschriebenen? Sind nicht-instrumentalistische Formen der Rechtfertigung politischer Gewalt denkbar? Welche Bedeutung haben Ereignisse wie die beschriebenen für das zeitgenössische linke und progressive Denken, das sich vor einigen Jahrzehnten von jeglicher Rechtfertigung politischer Gewalt verabschiedet hatte?

Durch empirische (auf der Grundlage von Diskursen, die aus Zeitungen und sozialen Netzwerken zur Zeit des chilenischen sozialen Ausbruchs gewonnen wurden) und konzeptionelle Forschung soll versucht werden, diese Fragen anzugehen und zu beantworten.