Neues Forschungsprojekt erfolgreich gestartet: „Secure“ fragt nach Erfahrungen von Selbstmelder*innen

Seit 01.10.2022 und für die Dauer von drei Jahren untersucht das DFG-geförderte Projekt „Selbstmeldungen in der Inobhutnahme und ihre biographische Bedeutung für Jugendliche“ (Secure), was es für Jugendliche bedeutet, sich selbstständig an eine Schutzeinrichtung zu wenden.

Im Jahr 2021 wurden 36 245 Kinder und Jugendliche nach § 42 SGB VIII durch das Jugendamt in Obhut genommen. 21,3 % (7727) dieser Schutzmaßnahmen geschahen dabei auf eigenen Wunsch der Betroffenen, 16,3 % (5922) der Kinder und Jugendlichen waren im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Seit gut 15 Jahren ist dabei ein genereller Aufwärtstrend der Fallzahlen zu Inobhutnahmen zu erkennen.[1]

Das Forschungsprojekt „Secure“ reagiert auf die Forderung nach dem Einbezug der Perspektive von Jugendlichen in Hilfeprozessen und schließt mit dem Fokus auf die Akteursgruppe der Selbstmelder*innen eine Forschungslücke in der Kinder- und Jugendhilfe. Der Fokus liegt hierbei auf der Meldesituation als wichtigem Ereignis im Hilfeprozess, das einerseits einen Hilfebedarf der Jugendlichen signalisiert und andererseits, zumindest potentiell, biographische Veränderungen auslösen kann. In diesem Zusammenhang können Schutzmaßnahmen als biographischer Artikulationsraum betrachtet werden, in denen subjektive Erfahrungen mitteilungsfähig werden und sich Schutzmaßnahmen vor dem Hintergrund institutioneller Zuschreibung von Schutz- oder Hilfebedürftigkeit realisieren. Das Projekt orientiert sich an einer biographisch ausgerichteten Kinder- und Jugendhilfeforschung und verknüpft Biographie- und Institutionenperspektive im Handlungsfeld der Inobhutnahme. Qualitative Fallrekonstruktionen, die sich auf das individuelle Erleben von Jugendlichen richten, eignen sich dafür insbesondere, weil sie Aufschluss geben über Erfahrungen und subjektiven Bedeutungszuschreibungen. Drei biographische Bedeutungsebenen sollen im Forschungsprozess untersucht werden: (1) Die Lebensverläufe von Jugendlichen; (2) Positionierungen von Jugendlichen in den Schutzmaßnahmen als Form der Identitätsdarstellung; sowie (3) erinnerte Schlüsselereignisse, die Jugendliche dazu veranlassen, sich an Schutzeinrichtungen zu wenden.  Am Ende des Projektes sollen Fallmonographien die spezifische Typik der untersuchten Jugendbiographien erfassen, aber auch Aussagen über Generalisierungsmöglichkeiten der Befunde treffen.

Das Projekt wird geleitet von Jun.-Prof. Dr. Tobias Franzheld; Projektmitarbeiterin ist Carolin Neubert, M.A.

 

[1] Alle Daten aus destatis.de

Verfasser*in/Ansprechpartner*in

Carolin Neubert
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Jun. Prof. für Sozialpädagogik
(Erziehungswissenschaftliche Fakultät)