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Von Heiligenviten zur Gegenwartsliteratur: Lina Thiede erhält Gothaer Bibliotheksstipendium

Die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt ist seit jeher ein Ort, an Wissen gesammelt und Geschichte erforscht wird. Historikerinnen, Theologen oder Philologinnen prägen üblicherweise das Bild derer, die sich mit den reichen Beständen der Bibliothek auseinandersetzen. Umso außergewöhnlicher ist es, wenn literarische Autor*innen diesen Ort als Inspirations- und Recherchequelle nutzen: Seit 2021 ermöglichen die Kulturstiftung Thüringen, der Freundeskreis der Forschungsbibliothek Gotha, das Forschungszentrum Gotha und die Literarische Gesellschaft Thüringen es Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die historischen Sammlungen für ihre künstlerische Arbeit zu erschließen. In diesem Jahr wählte die Jury die Kölner Autorin Lina Thiede für das Bibliotheksstipendium aus.

Lina Thiede (Foto: Carla Gnendiger)

Die 1996 geborene Schriftstellerin ist vielfach ausgezeichnet. So war sie Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, des hr2-Literaturpreises, erhielt den Berliner Preis für Science Fiction sowie 2025 den Robert-Gernhardt-Preis des Landes Hessen. Literarisch bewegt sie sich sowohl im Bereich der Science Fiction und Fantasy als auch in autofiktionalen Formen und setzt sich insbesondere mit gesellschaftlichem Klassendenken und der Rolle der Frau auseinander. Nach ihrem Debütroman „Homo Femininus“ (2020) erschien im Frühjahr 2025 ihr zweiter Roman „Manchmal weißt du, was geschehen wird“.

In Gotha recherchiert Lina Thiede für ihr neues Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Dies Irae“ (dt. Tag des Zorns). Im Zentrum steht die Figur einer einsamen Schicksalsgöttin, verortet im Spannungsfeld zwischen Heiligkeit und Hass, Leiblichkeit und Unschuld sowie Ketzerei und Subversion. Für diese literarische Arbeit greift Thiede auf vielfältige Bestände der Forschungsbibliothek Gotha zurück: Mittelalterliche Handschriften wie Heiligenviten und Marienoffizien, reformations- und frühneuzeitliche theologische Schriften zu konfessionellen Debatten interessieren Thiede ebenso sowie Leichenpredigten, die sich mit Frömmigkeit, Vergänglichkeit und dem Verhältnis von Körper und Tod befassen.

„Ich bin voller Vorfreude auf die intensive Recherchearbeit in Gotha“, sagt Thiede. „Das Stipendium ist eine einzigartige Möglichkeit, meinem Projekt mehr Substanz zu geben. Was mich vor allem reizt, ist die Frage: Wie kann ich vergangene Debatten, Bilder und Vorstellungen in meinen gegenwärtigen Text einarbeiten und wo stecken Überschneidungen mit aktuellen Entwicklungen?“

Veranstaltungshinweis

Welche Schätze Lina Thiede in der Gothaer Forschungsbibliothek entdeckt und wie sich diese historischen Quellen in literarisches Erzählen übersetzen lassen, wird die Autorin auch öffentlich vorstellen: In einer Veranstaltung am Mittwoch, 19. August 2026, um 18 Uhr spricht sie mit Guido Naschert in der Wunderkammer der Friedenstein Stiftung Gotha (Jüdenstraße 1, 99867 Gotha) über ihre Recherchearbeit und gibt Einblicke in die Entstehung ihres neuen Romans und liest aus ihrem 2025 erschienen Buch „Manchmal weist du, was geschehen wird“.

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