Der 4. Deutsche Südasientag findet an der Universität Erfurt statt – was hat den Ausschlag für diesen Standort gegeben, und welche Rolle spielt die Universität Erfurt in der deutschen Südasienforschung?
Der Deutsche Südasientag ist eine Initiative des Arbeitskreises „Neuzeitliches Südasien“ der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde. Dieser Arbeitskreis versteht sich als interdisziplinäre Plattform für den Austausch über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur Südasiens im deutschsprachigen Raum. Dass der 4. Deutsche Südasientag nun an der Universität Erfurt stattfindet, hat weniger mit einer fest institutionalisierten Südasienforschung im engeren Sinne zu tun als mit einer besonderen Konstellation vor Ort: In Erfurt gibt es kein eigenes Südasien-Institut, aber eine bemerkenswerte Dichte südasienbezogener Forschung in unterschiedlichen Fächern. Kolleg*innen arbeiten aus religionswissenschaftlicher, historischer, theologischer, kulturwissenschaftlicher, sozialwissenschaftlicher und kunst- beziehungsweise performanzbezogener Perspektive zu Südasien oder zu südasiatischen Verflechtungen. Der Südasientag bietet eine sehr gute Gelegenheit, diese bisher eher verstreuten Ansätze zu bündeln und die Universität Erfurt stärker in die deutschsprachige Südasienforschung einzubinden.
Was ist die übergeordnete „Mission“ des Deutschen Südasientags – und inwiefern hat sich dieses Ziel seit der ersten Veranstaltung weiterentwickelt?
Die Mission ist es, die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem neuzeitlichen Südasien im deutschsprachigen Raum zu vernetzen, sichtbar zu machen und interdisziplinär weiterzuentwickeln. Südasien ist historisch, gesellschaftlich, religiös, politisch und kulturell so vielfältig, dass die Region nicht aus der Perspektive einer einzigen Disziplin angemessen verstanden werden kann. Der Südasientag schafft deshalb ein Forum, auf dem unterschiedliche Fachperspektiven zusammenkommen. Seit den ersten Veranstaltungen hat sich dieses Ziel noch erweitert: Es geht nicht mehr nur um fachinternen Austausch, sondern auch um wissenschaftspolitische Sichtbarkeit, Nachwuchsförderung und die Vermittlung südasienbezogener Expertise in gesellschaftlich relevante Debatten hinein – etwa zu Demokratie, Migration, Religion, Digitalisierung, Klima, Gender oder globalen Verflechtungen.
Die Veranstaltung bringt Wissenschaftler*innen aus ganz Deutschland zusammen. Welche Art von Vernetzung oder Zusammenarbeit erhoffen Sie sich konkret von der Tagung in Erfurt?
Wir hoffen, dass der Südasientag neue Verbindungen zwischen Forschenden schafft, die zu verwandten Themen arbeiten, aber häufig in unterschiedlichen Fächern, Instituten und Netzwerken verortet sind. Viele südasienbezogene Forschungsansätze existieren nebeneinander, ohne dass sie immer systematisch miteinander verbunden sind. Ein besonderes Anliegen ist die Förderung von Early Career Scholars. Gerade für Promovierende und Postdocs ist es wichtig, ihre Projekte in einem spezialisierten, aber zugleich interdisziplinären Rahmen vorstellen zu können, Feedback zu erhalten und Zugang zu fachlichen Netzwerken zu bekommen. Solche Begegnungen können sehr konkret zu weiteren Kooperationen führen – etwa zu gemeinsamen Panels, Publikationen, Forschungsanträgen oder Lehrformaten.
Das Programm umfasst ja ein breites Spektrum an Panels – von politischer Theorie über Körperwissen und Tanz bis hin zu Literatur und Urbanität…
Ja, das thematische Spektrum wurde bewusst breit angelegt, weil es die Vielfalt der gegenwärtigen Südasienforschung abbildet. Südasien lässt sich nicht aus einer einzigen disziplinären Perspektive verstehen. Politische, kulturelle, religiöse, literarische, ästhetische und urbane Fragen greifen vielfach ineinander und brauchen neue Fragestellungen, die diese Perspektiven fruchtbar machen. Das Programm folgt deshalb dem Prinzip, aktuelle Forschungsansätze in ihrer Breite sichtbar zu machen. Die Panels zeigen, welche Themen derzeit im Feld verhandelt werden – von politischen Ordnungen und gesellschaftlichem Wandel über Geschlechterdiskurse, Performance und digitale Welten bis hin zu Literatur, Religion und Ökologie.
Neben den Fachpanels gibt es auch ein Konzert mit traditioneller Raga-Musik am Freitagabend. Welche Bedeutung haben solche kulturellen Formate für eine wissenschaftliche Tagung?
Kulturelle Formate wie das Raga-Konzert sind mehr als ein Rahmenprogramm. Sie eröffnen andere Zugänge zu Südasien als wissenschaftliche Vorträge: über Klang, Praxis, Körper, Ästhetik und Erfahrung. Gerade für eine interdisziplinäre Tagung ist das wichtig, weil es zeigt, dass Wissen nicht nur textlich oder analytisch vermittelt wird, sondern auch in musikalischer Praxis und performativen Formaten. Zugleich schafft das Konzert einen offenen Raum für Begegnung und macht die Tagung auch für ein breiteres Publikum aus Universität und Stadt zugänglich. Einen weiteren Zugang eröffnet die Ausstellung von Sara Keller in der Erfurter Brunnenkirche zu „Heiligem und Heilendem Wasser“, die Indien einen eigenen Teil widmet und auf dem Projekt „INDIEN. Leben am Wasser“ basiert. Damit werden wissenschaftliche Fragen, künstlerische Vermittlung und öffentliche Zugänglichkeit miteinander verbunden.
Die Keynote von Ursula Rao trägt den Titel „Time as Infrastructure: Reflections on Service Culture in Digital India". Warum wurde genau dieses Thema für die Eröffnung gewählt – was sagt es über den Zeitgeist der Südasienforschung aus?
Die Keynote wurde gewählt, weil sie an einem sehr konkreten Beispiel zeigt, wie tief Digitalisierung heute in Alltag, Verwaltung und Dienstleistungsökonomien in Indien eingreift. Ursula Rao fragt nicht nur danach, weshalb digitale Infrastrukturen existieren, sondern wie sie tatsächlich funktionieren: durch ständige zeitliche Abstimmung zwischen Plattformen, Behörden, Unternehmen und Nutzer. Der Begriff der „temporal infrastructure“ macht sichtbar, dass digitale Systeme nicht automatisch reibungslos laufen. Damit Versicherungsleistungen ausgezahlt, Essenslieferungen zugestellt oder Wohlfahrtsleistungen gewährt werden können, müssen Menschen Fristen, Verzögerungen, Wartezeiten und unterschiedliche institutionelle Rhythmen überbrücken. Genau dort entstehen auch Machtverhältnisse: Wer warten muss, wer beschleunigen kann, wer Daten nachtragen oder Prozesse umgehen kann, das ist sozial ungleich verteilt. Damit steht die Keynote exemplarisch für eine wichtige Tendenz der zeitgenössischen Südasienforschung: Sie untersucht große Transformationsprozesse wie Digitalisierung nicht abstrakt, sondern ausgehend von Alltagspraxis, Infrastruktur und sozialer Ungleichheit.
Der Roundtable am Samstag steht unter dem Titel „Niche or Necessity? Gender Perspectives and Academic Careers in South Asian Studies". Wie wichtig ist Ihnen, dass strukturelle und berufspolitische Fragen explizit auf die Agenda gesetzt werden?
Das ist uns sehr wichtig, weil eine wissenschaftliche Tagung nicht nur fachliche Inhalte verhandelt, sondern auch die Bedingungen, unter denen Wissenschaft entsteht. Der Roundtable wird vom Gleichstellungsbüro der Universität Erfurt gefördert und soll besonders Wissenschaftlerinnen und Forschende in frühen Karrierephasen ansprechen. Dabei geht es einerseits um ganz konkrete Fragen akademischer Laufbahnen: Welche Themen werden gefördert, welche gelten als „Nische“, welche als zentral? Andererseits möchten wir sichtbar machen, dass Gender-Perspektiven in verschiedenen akademischen Kontexten sehr unterschiedlich bewertet werden – etwa in Deutschland, in Südasien oder in den USA. Solche Fragen betreffen nicht nur individuelle Karrierewege, sondern auch die Struktur des Feldes und die Frage, welches Wissen in der Südasienforschung als relevant gilt.
Südasien – also der indische Subkontinent mit Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Sri Lanka – ist eine der bevölkerungsreichsten und kulturell vielfältigsten Regionen der Welt. Warum wird diese Region in der deutschen Öffentlichkeit dennoch oft unterschätzt?
Ja, Südasien wird in Deutschland oft unterschätzt, obwohl gerade Indien heute ein zentraler Wirtschafts- und Innovationsfaktor ist. Indien ist nicht nur ein großer Absatzmarkt, sondern auch ein wichtiger Standort für IT, Digitalisierung, Dienstleistungen, Industrie, Forschung und zunehmend auch für globale Lieferketten. In der deutschen Öffentlichkeit wird Indien dennoch häufig noch durch ältere Bilder wahrgenommen – etwa über Armut, Spiritualität, Krisen oder Exotik. Dabei verdecken sie, wie rasant sich die Region verändert und welche Bedeutung sie für globale Fragen von Technologie, Energie, Handel, Fachkräften, Klimapolitik und geopolitischer Neuordnung hat. Gerade deshalb ist eine differenzierte Südasienforschung wichtig. Sie kann zeigen, dass Indien und die Region insgesamt nicht nur kulturell und historisch bedeutend sind, sondern auch ökonomisch und politisch für uns unmittelbar relevant sind, wie bilaterale Abkommen zwischen Indien und Deutschland. So kommen derzeit auch sehr viele Studierende aus Indien nach Deutschland, um sich ausbilden zu lassen, was die wechselseitigen Beziehungen noch verstärken wird.
Viele Panels greifen hochaktuelle Themen auf: Hindutva-Nationalismus, Migration, demokratische Erosion, digitale Infrastrukturen. Wie politisch darf oder soll Südasienforschung sein?
Südasienforschung muss politische und gesellschaftliche Entwicklungen ernst nehmen. Das entspricht auch dem Selbstverständnis des Arbeitskreises „Neuzeitliches Südasien“ der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde: Er versteht sich nicht nur als akademisches Netzwerk, sondern auch als Ort der Bündelung und Vermittlung von Südasienexpertise. Wenn Panels Themen wie Hindutva-Nationalismus, Migration, demokratische Erosion oder digitale Infrastrukturen aufgreifen, dann geht es genau darum: wissenschaftlich fundiertes Wissen zu aktuellen Entwicklungen bereitzustellen und in größere gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge einzuordnen. In diesem Sinne darf und soll Südasienforschung politisch relevant sein – als historisch informierte, quellenbasierte und kritische Analyse. Sie kann damit zu öffentlichen Debatten beitragen und zeigen, warum differenzierte Südasienkompetenz heute notwendig ist.
Beim Südasientag sind ja auch einige Kolleg*innen der Universität Erfurt vertreten – etwa aus dem Bereich Religionswissenschaft. Wo liegen denn die besonderen Stärken der Universität in der Südasienforschung?
Die besondere Stärke der Universität Erfurt liegt darin, dass Südasien hier in vielen Bereichen präsent ist, auch wenn es kein eigenes Südasien-Institut gibt. Kolleg*innen arbeiten in der Religionswissenschaft, der Geschichtswissenschaft, der Katholischen Theologie, am Max-Weber-Kolleg, in der Kolleg-Forschungsgruppe „Religion and Urbanity“ sowie im Umfeld von ICAS, das zu „Metamorphoses of the Political in the Long Twentieth Century“ arbeitet, zu Themen Südasiens. Auch die Annemarie-Schimmel-Forschungsstelle an der Universität Erfurt ist in diesem Zusammenhang wichtig. Sie widmet sich dem Nachlass der international renommierten Islam- und Religionswissenschaftlerin Annemarie Schimmel und steht damit für eine Forschungstradition, in der Südasien, Islam, Religionsgeschichte und transkulturelle Wissensgeschichte eng miteinander verbunden sind. Zahlreiche Promovierende und Postdocs der oben genannten Disziplinen stammen zudem aus der Region und bringen ihre eigene Perspektive mit in die Erfurter Forschungslandschaft.
Die Tagung wird vom Seminar für Religionswissenschaft und dem Max-Weber-Kolleg ausgerichtet. Wie fügt sich der Südasientag in die breiteren Forschungsschwerpunkte dieser Einrichtungen ein?
Sehr gut, denn Themen wie Religion, Urbanität, Globalisierung, Migration, Wissensproduktion, kulturelle Verflechtungen und gesellschaftlicher Wandel sind für die Erfurter Forschung zentral – und zugleich auch für die Südasienforschung. Das zeigt sich auch im Nachwuchskolleg „Glocal Religiosities“. Dort geht es um die Frage, wie religiöse Praktiken und Aushandlungen von Zugehörigkeit im Spannungsfeld lokaler Traditionen und globaler Dynamiken entstehen. Genau solche global-lokalen Verschränkungen lassen sich am Beispiel Südasiens besonders gut bearbeiten. Ein Ziel der Tagung ist es deshalb, die vorhandenen Ansätze in Erfurt stärker zu bündeln, Kolleg*innen miteinander ins Gespräch zu bringen und die Universität national wie international stärker als Standort südasienbezogener Forschung sichtbar zu machen.
Werden die Beiträge und Diskussionen des Südasientags dokumentiert oder publiziert – und wenn ja, in welcher Form?
Eine klassische Tagungspublikation ist zunächst nicht vorgesehen. Wir möchten aber ausdrücklich dazu anregen, dass aus einzelnen Panels gemeinsame Publikationsprojekte entstehen – etwa Aufsätze, Special Issues oder andere kooperative Formate. Außerdem möchten wir auf die Möglichkeiten der Fachinformationsdienste aufmerksam machen. Sie bieten wichtige Infrastrukturen für Recherche, Sichtbarkeit, Open Access und langfristige Dokumentation wissenschaftlicher Arbeit. Der Südasientag soll also nicht nur ein punktuelles Treffen sein, sondern auch Impulse für nachhaltige wissenschaftliche Kommunikation geben.
Wie können die Erkenntnisse aus der Veranstaltung denn anschließend in die Lehre oder den gesellschaftlichen Diskurs zurückfließen?
Die Erkenntnisse aus der Tagung sollen auf mehreren Ebenen weiterwirken. Für die Lehre bietet der Südasientag viele Anknüpfungspunkte: Aktuelle Debatten zu Indien und Südasien, etwa zu Religion, Politik, Urbanität, Gender, Migration, Digitalisierung oder Ökologie, können direkt in Seminare, Abschlussarbeiten und Nachwuchsprojekte einfließen. Zugleich möchten wir die südasienbezogene Forschung stärker in die Universität und in die Stadt öffnen. Dazu tragen Formate wie das Raga-Konzert oder die Ausstellung zu „Heiligem und Heilendem Wasser“ bei, die wissenschaftliche Fragen mit kultureller Praxis und öffentlicher Vermittlung verbinden.

