Der Illuminatenorden, dessen Gründung sich in diesem Jahr zum 250. Mal jährt, existierte länger als bislang angenommen – und hatte sein letztes Wirkungszentrum in Thüringen. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsstelle Illuminatenforschung am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt.
Am 1. Mai 1776 gründete der Ingolstädter Kirchenrechtler Adam Weishaupt (1748–1830) den Illuminatenorden. Das kurbayerische Verbot von 1785 gilt bislang vielfach als Endpunkt der Geheimgesellschaft. Die Gothaer Forschungen zeigen jedoch: Unter der Führung des Übersetzers und freimaurerischen Netzwerkers Johann Joachim Christoph Bode bestand der Orden noch bis 1787 fort – mit einem Schwerpunkt in Thüringen. Gotha wurde damit zu seiner letzten Hochburg und ist heute zugleich ein zentraler Ort seiner wissenschaftlichen Erforschung.
Neue Perspektiven auf einen viel diskutierten Geheimbund
Seit 2018 erschließt die Arbeitsstelle Illuminatenforschung systematisch zentrale Quellen zur Geschichte des Ordens. Beteiligt sind die Historiker Dr. Markus Meumann, Prof. Dr. Martin Mulsow und Dr. Olaf Simons sowie weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ziel ist es, die historische Realität des Ordens präzise zu rekonstruieren und von den zahlreichen Mythen zu trennen, die ihn bis heute umgeben.
Im Mittelpunkt der Arbeiten steht ein außergewöhnlicher Quellenbestand: die sogenannte „Schwedenkiste“. Sie umfasst umfangreiche Dokumente aus dem Umfeld Bodes. Nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Materialien als verschollen und wurden erst Ende der 1980er Jahre wiederentdeckt. Bis heute sind sie nur teilweise ausgewertet.
Gotha als Knotenpunkt des Ordens
Die neu erschlossenen Quellen zeichnen ein differenziertes Bild: Entgegen der bisherigen Forschung verlagerte sich das Zentrum des Ordens in den 1780er Jahren nach Mitteldeutschland. Unter dem Schutz von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg entstand dort eine aktive Ordensprovinz mit dem Namen „Ionien“. Sie entwickelte sich zum organisatorischen und intellektuellen Mittelpunkt des späten Illuminatenordens.
Neue Publikation im Jubiläumsjahr
Anlässlich des Jubiläums bereitet die Arbeitsstelle eine umfassende wissenschaftliche Publikation vor: „Die Illuminaten. Metamorphosen eines Geheimbundes 1776–1787“, die 2027 im Wallstein Verlag erscheinen wird. Der Band bündelt den aktuellen Forschungsstand und bietet neue Einblicke in Organisation, Kommunikationsstrukturen und interne Debatten des Ordens. Zudem werden bislang wenig beachtete Mitglieder und Netzwerke erstmals systematisch untersucht.
Zwischen Aufklärung und Verschwörungserzählung
Der Illuminatenorden war ein Phänomen der europäischen Spätaufklärung. Ausgehend von einem studentischen Lesekreis entwickelte er sich zu einem elitär organisierten Netzwerk mit ambitionierten Bildungszielen. Zu seinen Mitgliedern zählten Gelehrte, Beamte, Adlige und Bürger – Frauen waren nicht zugelassen.
Das Verbot von 1785 und die Veröffentlichung beschlagnahmter Dokumente trugen maßgeblich zur Legendenbildung bei, die sich im Kontext der Französischen Revolution weiter verstärkte. Viele der bis heute verbreiteten Vorstellungen über den Orden gehen auf diese frühen Deutungen zurück – nicht auf historische Fakten.
Die Gothaer Forschungen zeigen demgegenüber: „Der Illuminatenorden war ein zeitlich und räumlich klar begrenztes Phänomen der Aufklärung“, so Meumann. „Er ist faszinierend genug, um ohne Mythen auszukommen.“

