Das Format der Intercontinental Academy wurde von UBIAS, dem internationalen Netzwerk der University Based Institutes for Advanced Study, entwickelt und wurde zum fünften Mal durchgeführt. Jeweils zwei Institutes for Advanced Study aus verschiedenen Kontinenten richten diese Veranstaltung aus, und zwar jeweils für eine Woche auf einem Kontinent und dann einige Monate später auf einem anderen Kontinent. Diesmal wurde ICA von dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und dem IEAT der Federal University of Minas Gerais in Belo Horizonte (Brasilien) in Kooperation mit dem Aarhus Institute for Advanced Study verantwortet. Fünfzehn Postdocs (Fellows) aus einer Vielzahl von Nationen wurden aus einer größeren Anzahl von Bewerbungen ausgewählt, um gemeinsam mit internationalen Mentor*innen an ihren Projekten zu arbeiten und neue Projekte zu entwickeln. Die ICA-Woche hatte dementsprechend unterschiedliche Formate, die sich abwechselten. Neben mehreren öffentlichen Keynote Lectures und Round Tables gab es interne Projektvorstellungen der Fellows, sowie intensive persönliche Beratungstermine mit Mentor*innen sowie Arbeitsgruppentreffen für kleine neu geschaffene Arbeitsgruppen der Fellows, um echte Begegnungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Den Rahmen setzte Hartmut Rosa mit einer Keynote Lecture zum Thema „Pluralities of Resonant Relationships“, in der er auf die Herausforderungen, die sich durch Pluralität für resonante Weltbeziehungen ergeben, einging. Diese Herausforderungen stellen sich dabei nicht nur auf der Ebene konkreter Beziehungen zwischen Menschen oder zu Umwelten oder Objekten, sondern auch für das Konzept der Weltbeziehungstheorie selbst. Die Keynote Lecture lud daher ein, die Theorie der Weltbeziehungen kritisch weiterzuentwickeln.
Im Rahmen eines Speed Datings konnten die Fellows wechselseitige Interessen und Expertisen kennenlernen und kleine Arbeitsgruppen für gemeinsame Projekte bilden. Auf diese Weise sind sieben Arbeitsgruppen entstanden von zwei bis vier Personen, die sich vorher nicht kannten, und in der ICA-Woche neue kreative Projekte gemeinsam entwickelt haben, die sie bis zum nächsten Treffen im März in Belo Horizonte abschließen wollen. Eine erste Gruppe (Anna Luiza Coli, Marina Suárez, João Tziminadis) wird für das Treffen in Belo Horizonte ein Transfer-Event vorbereiten zum Thema „Mediation of artistic creativity in the age of generative AI“, bei dem die Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen mit Künstler*innen erprobt werden soll. Performances mit und ohne KI sollen dabei im Zentrum stehen. Eine zweite Gruppe (Arthur Bueno, Ernane Salles da Costa Junior) bereitet einen Workshop für das Treffen in Belo Horizonte vor zum Thema „No Future – On the Closing and Opening of Temporal Horizons“, der auch zu einer Publikation führen soll. Eine dritte Gruppe (Sebastián Moreno, Daniel Pucciarelli) beschäftigt sich mit normativen Aspekten kritischer Kulturwissenschaften und wird dazu ein Panel bei einer Tagung in Berlin organisieren und daraus eine gemeinsame Lehrveranstaltung entwickeln. Eine vierte Gruppe (Enno Friedrich, Hisashi Hayakawa) wird ein Paper schreiben zum Thema ‚Diodorus. Total Solar Eclipse and Resonance‘, das interdisziplinär zwischen Naturwissenschaften und Altphilologie das Phänomen totaler Sonnenfinsternisse in Texten der Antike untersucht. Eine weitere Gruppe (Bharti Arora, Thiago Canettieri) beschäftigt sich mit der Verbindung von Raum und Resonanz im Globalen Süden und wird ein Paper schreiben zu „Tracing Resonances in Indian Dalit and Brazilian Peripheral Literary Narratives on Displacement“. Eine sechste Gruppe (Priscila Delagado Carvalho, Emily Mashonganyika, Daniel Medeiros de Freitas) untersucht, was Gemeinschaften auszeichnet in Bezug auf Resonanz und fokussiert dabei auf Care, Ernährung durch Landwirtschaft und Religion. Aus wechselseitigen Besuchen von beispielhaften Gemeinschaften soll eine gemeinsame Publikation entstehen. Schließlich beschäftigt sich eine letzte Gruppe (Daniel Medeiros de Freitas, Narciss M. Sohrabi) mit Resonanz in karnevalistischen Bewegungen in Brasilien und im Iran und wird dazu einem gemeinsamen vergleichenden Artikel erstellen.
Die Vielfalt der Themen zeigen die Fruchtbarkeit des Formats, das zu kreativen Ideen führte und zu inspirierenden Begegnungen.
Neben der Keynote Lecture von Hartmut Rosa hielt auch Leonardo Avritzer eine Keynote Lecture zum Thema „Modernity, the crisis of democracy und resonance“, in der er auf die Krisen der heutigen Demokratie einging. Darüber hinaus fanden zwei Podiumsdiskussionen statt, eine mit Patricia Kauark (Mitorganisatorin und Direktorin des IEAT in Belo Horizonte), Andreas Roepstorff (Mitorganisator und Direktor des AIAS in Aarhus), Frederic Vandenberghe (Rio) und Yasmeen Arif (Delhi) moderiert von Hartmut Rosa zum Thema „What does plurality mean in research and do we need resonance with our research objects?“, die eine lebhafte Diskussion auch mit den weiteren Teilnehmer*innen einleitete. Eine weitere Podiumsdiskussion mit Hartmut Rosa, Martin Fuchs, Patricia Kauark, Eduardo Soares moderiert von Bettina Hollstein zum Thema „How to organize collaboration in contexts of plurality“ schloss sich an die Präsentation eines kollaborativen Projektantrag zwischen dem Max-Weber-Kolleg und Porto Alegre, vorgestellt von James William Santos an. Neben dem wissenschaftlichen Austausch wurden auch die geselligen Kontakte gepflegt, u. a. beim opening und closing dinner wie auch durch die Teilnahme am Sommerfest des Max-Weber-Kollegs und durch gemeinsame Exkursionen zur Forschungsbibliothek in Gotha oder zum Gedenkort Andreasstraße in Erfurt.
Die Rückmeldungen in der abschließenden Evaluation der ersten Woche waren ausgesprochen positiv. „This was the best academic event of my life!“, meinte eine Teilnehmerin. Die Arbeitsgruppen und Fellow-Mentoren-Gruppen werden nun überwiegend online weiter zusammenarbeiten bis zu einem erneuten Treffen in Belo Horizonte Anfang März, wo dann die Ergebnisse der individuellen wie der kollaborativen Projekte vorgestellt werden.

