Der Vortrag behandelt den Verzicht hochmittelalterlicher Bischöfe auf ihr Amt. ‚Verzicht‘ wird als eine Handlungsweise verstanden, die gesellschaftliche Normen und Erwartungen herausfordert, und zwar auf eine bestimmte Art und Weise: Gegenüber anderen Formen der Devianz (Übertreibung, Ironie, Leugnung, Gewalt etc.) besteht das Spezifische des Verzichts darin, weniger zu tun als erwartet oder nicht mehr zu tun, was erwartet ist. Verzicht changiert dabei zwischen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit – einerseits ist er eigenes und eigensinniges Handeln, andererseits reagiert er auf die Einsicht, dass es so wie bisher nicht weitergeht.
Im mittelalterlichen Verzicht auf kirchliche Ämter wird dieses Verhältnis besonders plastisch: Einerseits gibt es die Erwartung an einen Bischof, bis zum Lebensende im Amt zu bleiben; andererseits ist es immer wieder möglich und naheliegend, auf das Amt zu verzichten. Das provoziert die Frage, inwiefern die Hervorhebung von Freiwilligkeit den Verzicht legitim oder illegitim macht, also als überlegte Handlung oder als eigensinnigen Verstoß erscheinen lässt – für den Verzichtenden sowie für sein soziales Umfeld. Daran anschließend lässt sich fragen, inwiefern der ‚deviante‘ Charakter des Verzichts normativ wieder eingefangen werden sollte. Diesen Fragen geht der Vortrag anhand von Beispielen aus dem 10.–12. Jahrhundert nach.
In sieben Vorträgen und Diskussionen werden etablierte Perspektiven auf Aufklärung, Subjektivität und Selbsteigentum, persönliche und politische Handlungsmacht, Arbeit und soziale Reproduktion, Migration und Sicherheit untersucht und hinterfragt – durch die Linse von Freiwilligkeit, Globalität sowie Postkolonialität. Davon ausgehend, dass freiwilliges Handeln immer auch situativ ist und sich unter Bedingungen vollzieht, wird erörtert, welche Formen freiwilliges Handeln zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Gesellschaften annehmen konnte.