Das Verhältnis Martin Bubers zur Hebräischen Universität Jerusalem entfaltet sich über mehrere Jahrzehnte und lässt sich in vier Phasen nachzeichnen, die zusammen ein Bild von geistiger Nähe, Verantwortung und nachhaltigem Einfluss ergeben:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehört Martin Buber zu den prägenden Stimmen der kulturzionistischen Bewegung. In den frühen Überlegungen zur Errichtung einer jüdischen Universität bringt er eine Vision ein, die Bildung und Wissenschaft als zentrale Träger kultureller Erneuerung versteht. Die Universität erscheint ihm als geistiges Zentrum, in dem Tradition und Moderne, Forschung und Verantwortung, Wissen und menschliche Begegnung miteinander verbunden sind. In dieser Phase wirkt Buber als geistiger Mitbegründer, dessen Ideen den normativen Horizont des Projekts nachhaltig prägen.
Mit der feierlichen Eröffnung der Hebräischen Universität Jerusalem im Jahr 1925 tritt das Projekt in eine neue historische Phase ein. Martin Buber begleitet diesen Schritt mit großer Aufmerksamkeit. Auch ohne unmittelbare institutionelle Funktion bleibt er der Universität eng verbunden und wird als international anerkannter Denker wahrgenommen, dessen Werk und Haltung den geistigen Anspruch der jungen Institution widerspiegeln. Diese Phase ist von gegenseitiger Wertschätzung und einer Verbundenheit geprägt, die sich weniger in formalen Rollen als in gemeinsamer geistiger Orientierung ausdrückt.
Die politischen Erschütterungen der 1930er-Jahre führen Martin Buber nach Jerusalem und in eine intensivere Beziehung zur Hebräischen Universität. Mit seinem Eintritt in die akademische Lehre bringt er eine philosophische Perspektive ein, die den Dialog, das menschliche Miteinander und die Verantwortung des Denkens in den Mittelpunkt stellt. Diese Jahre markieren eine Phase der Annäherung, in der persönliche Erfahrung, intellektuelle Autorität und institutionelle Zugehörigkeit auf neue Weise zusammenfinden.
In den Jahren seiner Lehrtätigkeit an der Hebräischen Universität entfaltet Martin Buber seine nachhaltigste Wirkung. Als Lehrer prägt er Studierende weit über den Hörsaal hinaus. Seine Vorlesungen verbinden Philosophie, Religionsdenken und Sozialethik und stehen im Zeichen des Dialogs und der Bildung des Menschen. Auch nach seiner Emeritierung bleibt sein geistiges Erbe Teil der universitären Selbstverständigung. Die Universität wird für Buber zu einem Ort des Wirkens, an dem Denken Verantwortung übernimmt und Wissenschaft menschliche Gestalt gewinnt.
Der Referent
Dr. Francesco Ferrari, ist assoziierter Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und beschäftigt sich als Forscher seit Langem mit dem sozialpolitischen Denken des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber.

