Philosophische Fakultät Historisches Seminar SPF Wissen. Räume. Medien.

Sentimentanalyse zwischen Erkenntnisgewinn und Verfälschung? Eine Fallstudie zu Selbstzeugnissen zum Holocaust und seiner Nachgeschichte

Wie Künstliche Intelligenz (KI) bei der Analyse von persönlichen Berichten zum Holocaust und seiner Nachgeschichte eingesetzt wird und wo dabei Chancen, aber auch Risiken liegen – das untersucht das Forschungsprojekt des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden und der hochschulübergreifenden Professur für Digital Humanities an der Universität Erfurt und der Fachhochschule Erfurt. Ziel des Projekts ist es darüber hinaus, eine Typisierung bzw. Ontologie für emotionale Ausdrucksformen in historischen biografischen Quellen zu entwickeln. Dadurch dass die Ergebnisse des Projekts anschließend für die Lehre und Vermittlung didaktisch aufbereitet werden, schaffen die Projektbeteiligten wichtige Impulse für eine digitale Quellenkritik und einen reflektierten Einsatz von Methoden und Werkzeugen in der Arbeit mit Selbstzeugnissen.

Laufzeit
03/2026 - 11/2026

Finanzierung
NFDI4Memory Incubator Funds

Projektleitung

Professorin für Digital Humanities – Hybride Bildungs- und Kommunikationsräume (FH und Uni Erfurt) (Philosophische Fakultät)

Selbstzeugnisse sind wichtige Quellen zu historischen Ereignissen und geben Einblick in individuelle Leben und Erfahrungen. Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden sind dabei essenziell für die Holocaustforschung, weil sie Ereignisse und Perspektiven dokumentieren, die in offiziellen Dokumenten oder Täterberichten gar nicht oder nur verzerrt vorkommen, sie sind daher zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur und helfen, Ereignisse für nachfolgende Generationen wachzuhalten. Gerade angesichts verschwindender Zeitzeugen und dem zuletzt viel diskutierten Rückgang zur Bereitschaft aktiver Erinnerungskultur ist dies von besonderer Wichtigkeit. 

In der historischen Vermittlungsarbeit und auch in der Forschung wird aktuell über die Bedeutung von emotionsbasierten bzw. emotionsgeschichtlichen Ansätzen diskutiert. Computerlinguistische Verfahren wie die Sentimentanalyse sind in der digitalen Geschichtswissenschaft teilweise bereits etabliert. Computergestützte, v. a. computerlinguistische Methoden der natürlichen Sprachverarbeitung (NLP) versprechen Möglichkeiten zur vertieften Erforschung individueller und kollektiver Erfahrungen, Deutungen und Erinnerungen. Anhand der Tagebücher der Theresienstadt-Überlebenden Martha Glass erproben und evaluieren die am Forschungsprojekt beteiligten Wissenschaftlerinnen lexikonbasierte Ansätze ebenso wie Verfahren des maschinellen Lernens, um neue Zugänge für die historische Forschung zu eröffnen.

Mit Blick auf die Auswertung von Ego-Dokumenten stellt sich jedoch zunehmend die Frage nach dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz, v. a. wie die Nutzung (generativer) KI neue Erkenntnisse ermöglicht, aber auch zu Verzerrungen von Ergebnissen beitragen kann. Die kritische Reflexion maschineller Analyseverfahren im Hinblick auf die Auswertung und Deutung von Selbstzeugnissen kann einen wichtigen Beitrag zur digitalen Werkzeug- und Quellenkritik im Fach Geschichte sowie zu übergeordneten Diskussionen um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der erinnerungskulturellen Vermittlungsarbeit leisten.

Das Kooperationsprojekt „Sentimentanalyse zwischen Erkenntnisgewinn und Verfälschung? Eine Fallstudie zu Selbstzeugnissen zum Holocaust und seiner Nachgeschichte” wird von der hochschulübergreifenden Professur für Digital Humanities an der Universität Erfurt und der Fachhochschule Erfurt (Prof. Dr. Anna Neovesky // Mitarbeit: Nina Brolich) sowie dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden in Hamburg (Dr. Anna Menny und Helena Geibel) durchgeführt. 

Die NFDI4Memory Incubator Funds fördern das Projekt bis November 2026 mit 24.500 Euro am Institut für die Geschichte der Deutschen Juden.

News: Sentimentanalyse zwischen Erkenntnisgewinn und Verfälschung?